Versteckte Juwelen und urbane Kuriositäten: Neubaus ungewöhnlichste Häuser

Ungewöhnliche Häuser und Bauwerke im 7. Bezirk. Foto: © Verena Lukanz

Der Siebte ist ein Bezirk, der sich nicht auf den ersten Blick erschließt. Zwischen belebten Einkaufsstraßen, ruhigen Seitengassen und überraschenden architektonischen Kontrasten stehen Häuser, die weit mehr erzählen, als ihre Fassaden zunächst vermuten lassen. Manche wirken wie Skulpturen aus einer anderen Zeit, andere tragen viel Geschichte in sich, wieder andere öffnen überraschende Blicke weit über die Stadt hinaus.
Auf unserem Spaziergang durch das Grätzl folgen wir genau diesen Spuren: Wir bleiben stehen, blicken hinauf, gehen ein paar Schritte weiter und nehmen euch mit zu den ungewöhnlichsten Häusern in Neubau. Wir zeigen euch architektonische Besonderheiten, Orte, an denen Geschichten unter der Oberfläche weiterleben, und Plätze, die ihr bei eurem nächsten Spaziergang durch den 7. Bezirk unbedingt genauer unter die Lupe nehmen solltet.

mumok: Ein Blickfang im MuseumsQuartier

Wir starten unseren Rundgang durch das MuseumsQuartier und entdecken zwischen den hellen Fassaden der ehemaligen kaiserlichen Hofstallungen einen Bau, der sofort ins Auge fällt: DasMuseum moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien, kurz mumok, am Museumsplatz 1, 1070 Wien. Es erhebt sich als dunkler Monolith aus anthrazitgrauer Basaltlava und wirkt auf den ersten Blick fast wie eine riesige Skulptur. Entworfen wurde das Gebäude vom österreichischen Architekturbüro Ortner & Ortner, das mit seiner modernen Formensprache einen Kontrast zur historischen Umgebung setzen wollte. Seit der Eröffnung im Jahr 2001 gehört das mumok zu den markantesten „Wahrzeichen“ des MuseumsQuartiers und zeigt eindrucksvoll, wie spannend das Zusammenspiel von historischer und moderner Architektur sein kann.
Unser Blick gleitet über die nahezu geschlossene Fassade, die nur von wenigen schmalen Lichtschlitzen durchbrochen wird. Das gekrümmte Dach, die sanft abgerundeten Kanten und die dunkle Basaltverkleidung lassen das Gebäude je nach Wetter und Tageszeit unterschiedlich wirken – mal wie eine Festung, mal wie ein geheimnisvoller Felsblock, der aus dem Boden gewachsen ist. Im Inneren öffnet sich dagegen eine beeindruckende, 41 Meter hohe Halle, die den massiven Baukörper durchschneidet und überraschend viel Raum und Licht schafft.

Doch das mumok ist nicht nur architektonisch außergewöhnlich. Es beherbergt eine der bedeutendsten Sammlungen moderner und zeitgenössischer Kunst Mitteleuropas und umfasst heute rund 12.500 Kunstwerke von etwa 1.600 Künstler*innen sowie einen umfangreichen Bestand zum Wiener Aktionismus.
Es ist also kein Gebäude, an dem wir einfach vorbeigehen. Vielmehr lohnt es sich, den Spaziergang kurz zu unterbrechen und in die Welt der Kunst einzutauchen. Termine, To-do-Listen und Alltagsgedanken treten dabei für einen Moment in den Hintergrund. Und wenn wir das Museum wieder verlassen, nehmen wir vielleicht nicht nur neue Eindrücke mit, sondern auch ein kleines Stück Inspiration für den weiteren Weg durch den Siebten.

Das mumok beeindruckt mit seiner markanten Basaltfassade und zählt zu den architektonischen Wahrzeichen des MuseumsQuartiers.

mumok Außenfassade, Foto: Stefan Oláh
Das mumok beeindruckt mit seiner markanten Basaltfassade und zählt zu den architektonischen Wahrzeichen des MuseumsQuartiers. Foto: Stefan Oláh

Eventtipp im mumok: Einladung zur Ausstellungseröffnung

Terminal Piece und Tolia Astakhishvili, Figure of the Child
Samstag, 20. Juni 2026, 14 bis 20 Uhr

Zur Eröffnung seines neuen Programms und der beiden Ausstellungen Terminal Piece und Tolia Astakhishvili, Figure of the Child lädt das mumok herzlich zu einem besonderen Tag der Begegnung ein.

Unter der Leitung des Künstlers Michael Kleine wird der große Eröffnungstag dem Entdecken und Mitgestalten gewidmet. Neben regelmäßigen Führungen durch die Ausstellungen erwartet die Besucher*innen ein vielfältiges Programm mit Workshops, musikalischen Beiträgen und zahlreichen weiteren partizipativen Formaten.
Besondere Highlights sind der Workshop poppets mit der Künstlerin Birke Gorm, Live-Siebdruck mit der Viadukt Siebdruckwerkstatt, eine Präsentation von Kostümen aus dem Fundus des Volkstheaters sowie gemeinsames Blumenkranzbinden. Das mumok-Team freut sich auf das gemeinsame Entdecken, Ausprobieren und Feiern.

Der Eintritt zu den Ausstellungen und allen Programmpunkten ist frei.

Palais Trautson: Das barocke Juwel an der Museumstraße

Nur wenige Schritte vom MuseumsQuartier entfernt entdecken wir ein Gebäude, das man im Alltag leicht übersieht und das gerade deshalb so überrascht: das Palais Trautson in der Museumstraße 7, 1070 Wien. Errichtet wurde es zwischen 1710 und 1712 von Christian Alexander Oedtl nach Plänen und unter der Leitung von Johann Bernhard Fischer von Erlach. Ursprünglich war es als repräsentatives Gartenpalais für Johann Leopold Donat Graf Trautson gedacht. Inspiriert vom Amsterdamer Stadthaus aus dem Jahr 1661 zählt das Palais bis heute zu den eindrucksvollsten barocken Bauwerken Wiens.
Unser Blick fällt sofort auf die kunstvollen Verzierungen, Figuren und Reliefs. Man kann sich gut vorstellen, wie hier einst Fiaker vorgefahren und Menschen aus dem Adel ein- und ausgegangen sind. 1760 ließ Maria Theresia den barocken Palast der Ungarischen Garde zuweisen, später wurde es von Militär und Verwaltung genutzt, bevor es nach Jahrzehnten und sogar diskutierten Abrissplänen schließlich für die Justizverwaltung erhalten blieb. Heute ist hier das Bundesministerium für Justiz untergebracht.
Besonders spannend ist der Kontrast zur Umgebung: Während rundherum das Leben des 21. Jahrhunderts pulsiert, wirkt das Palais wie ein architektonisches Zeitfenster. Wer genau hinschaut, entdeckt nicht nur barocke Architektur, sondern auch Spuren der alten Stadt: So wurde das Palais früher über eine Hofwasserleitung versorgt, die von der Krebswiese in Ottakring bis hierherführte.

Das Palais Trautson ist eines der beeindruckendsten Barockpalais Wiens und bildet einen faszinierenden Kontrast zur modernen Umgebung. © Verena Lukanz
Das Palais Trautson ist eines der beeindruckendsten Barockpalais Wiens und bildet einen faszinierenden Kontrast zur modernen Umgebung. © Verena Lukanz

MQ West: Das versteckte Tor zum MuseumsQuartier

Wir schlendern zurück Richtung MuseumsQuartier und kommen an einer Stelle vorbei, wo das Kulturareal des MuseumsQuartiers in den 7. Bezirk übergeht. In der Breite Gasse 4–9, 1070 Wien, liegt das MQ West mit dem Bibelzentrum der Österreichischen Bibelgesellschaft, ein Gebäude an einer Schnittstelle, die lange Zeit eher eine Lücke als ein Ort war. Genau hier klaffte über Jahre ein schmaler Zwischenraum zwischen MQ und Breite Gasse, der sich kaum greifen ließ: mehrere Grundstücke, unterschiedliche Eigentümer und die besondere Lage auf den alten Glacis-Mauern machten jede Bebauung fast unmöglich.
Erst durch die Zusammenarbeit verschiedener Akteure und den Bestrebungen des damaligen Bezirksvorstehers Herbert Tamchina, der sich für einen direkten Zugang vom 7. Bezirk ins MQ einsetzte, wurde aus dieser Lücke ein verbindendes Element. Der Architekt Carl Pruscha entwickelte gemeinsam mit dem Bauherrn ein Konzept. So führt der Durchgang durch das Haus heute über Treppen und Wege ins MuseumsQuartier. Mehr über Durchhäuser im 7. Bezirk gibt es übrigens hier nachzulesen.
Besonders auffällig ist die archaisch-elegante Gestaltung des Gebäudes. Pruscha hat das kompakte Bürohaus mit rund 1.727 m² Nutzfläche als architektonische Skulptur gedacht. Fensterbänder und die Hülle aus rostendem Corten-Stahl ziehen sich ruhig und präzise über die Fassade und geben dem Bau eine eigenständige, fast ruhige Präsenz im städtischen Gefüge. Die schmalen Öffnungen wirken wie Einschnitte in eine massive Oberfläche und machen das Gebäude gleichzeitig zurückhaltend und markant.
Fertiggestellt im Oktober 2004, wurde das MQ West 2005 mit dem Bauherrenpreis ausgezeichnet – nicht zuletzt, weil hier aus einer schwierigen städtebaulichen Situation ein überraschend stimmiger Ort entstanden ist. Auf unserer Erkundungstour merken wir schnell: Dieses Haus ist ein architektonisches Kleinod am Rand des MuseumsQuartiers.


Mit seiner markanten Cortenstahl-Fassade bildet das MQ West einen spannenden architektonischen Übergang zwischen MuseumsQuartier und Neubau. © Verena Lukanz

Mit seiner markanten Cortenstahl-Fassade bildet das MQ West einen spannenden architektonischen Übergang zwischen MuseumsQuartier und Neubau. © Verena Lukanz

Über den Linden: Vom Redaktionshaus zum Wohnort mit Wellnessoase

Plötzlich verändert sich das Straßenbild. Zwischen den Häusern der Lindengasse taucht ein moderner Gebäudekomplex auf, der sofort Aufmerksamkeit auf sich zieht. Bei der Hausnummer 48–54 befindet sich „Über den Linden“, ein Wohnprojekt, das an einem Ort entstanden ist, an dem früher Zeitungsgeschichte geschrieben wurde. Früher hatte hier die Redaktion der Tageszeitung Kurier ihren Sitz, heute beherbergt der Bau 103 Eigentumswohnungen und liegt nur wenige Schritte von der Mariahilfer Straße entfernt, ein Ort, an dem sich Wohnen, Arbeiten und Stadtleben vereinen.
Das Projekt wurde von STRABAG Real Estate entwickelt und zwischen 2018 und 2020 umgesetzt. Besonders spannend ist die Idee, aus einem ehemaligen Büro- und Zeitungsstandort einen hochwertigen Wohnbau zu machen, der sich bewusst in die urbane Struktur der Umgebung einfügt und gleichzeitig ein neues architektonisches Statement setzt. Insgesamt umfasst das Gebäude verschiedene Wohnungsgrößen von kompakten Einheiten bis hin zu großzügigen Dachgeschosswohnungen.
Wie wirkt die Außenfassade eigentlich? Architektonisch setzt das Haus auf ein ruhiges, zugleich sehr durchdachtes Erscheinungsbild. Die Fassaden sind zurückhaltend gestaltet und in Weiß- und Bronzetönen gehalten, was dem Gebäude eine elegante Wirkung verleiht. Besonders ins Auge fällt der bronzefarbene Sockelbereich, der mit seiner Pfosten-Riegel-Konstruktion einen hochwertigen und offenen ersten Eindruck zur Straße schafft.
Das Wohnprojekt bietet weit mehr als nur Wohnungen: Laut unseren Recherchen gibt es neben Fitness- und Wellnessbereichen mit Sauna und Infrarotkabine, einen Eventraum sowie eine Gästelounge. Ganz oben befindet sich das Penthouse mit weitläufigen Terrassen und Blick über Wien, das eines der spektakulärsten Angebote des Projekts ist.
Wer hier vorbeigeht, sieht mehr als nur ein neues Wohnhaus. Es ist ein Beispiel dafür, wie sich ein ehemaliger Arbeitsort in ein Stück zeitgenössisches Stadtwohnen verwandelt hat.

„Über den Linden“ zeigt, wie sich ein ehemaliger Zeitungsstandort in modernen Wohnraum mit urbanem Charakter verwandeln kann.© Verena Lukanz
„Über den Linden“ zeigt, wie sich ein ehemaliger Zeitungsstandort in modernen Wohnraum mit urbanem Charakter verwandeln kann. © Verena Lukanz

Der Apollosaal: Wiens verschwundene Vergnügungswelt am Neubau

Wenige Schritte weiter führt der Weg von der Lindengasse in die Zieglergasse. Bei der Hausnummer 15 lohnt es sich, kurz stehen zu bleiben. Denn unter diesem eher unscheinbaren Gebäude finden wir hier eine ziemlich verrückte Geschichte. An dieser Stelle stand früher der Apollosaal, ein Vergnügungsetablissement, das Anfang des 19. Jahrhunderts so etwas wie eine eigene kleine Erlebniswelt war. Eröffnet wurde die Anlage 1808 von dem Arzt und Mechaniker Sigmund Wolfssohn, der sich offenbar vorgenommen hatte, Wien ein Stück „Weltstadt-Glanz“ zu verleihen. Und zwar nicht halbherzig: Der Komplex bestand aus mehreren Sälen, Zimmern, Gängen, Gärten und sogar Grotten und bot Platz für tausende Gäste. Drinnen war alles auf maximale Inszenierung ausgelegt. Jeder Raum hatte sein eigenes Thema, irgendwo zwischen Theaterkulisse, Gartenlandschaft und Fantasiewelt. Man konnte durch Alleen spazieren, in beleuchtete Säle treten oder sich in dekorierten Nischen verlieren, begleitet von Musik, Licht und ziemlich viel Aufwand für einen einzigen Abend im Vergnügen. Seine große Zeit hatte der Apollosaal, auch bekannt als „Feenpalast vom Brillantengrund“, rund um den Wiener Kongress 1814/15, als halb Europa zu Gast in Wien war. Danach wurde es ruhiger, später wechselten die Nutzungen mehrfach, von Veranstaltungen über eine Seifensiederei bis hin zu ganz anderen Kapiteln der Stadtgeschichte, bevor das Areal schließlich verschwand. Übrig geblieben ist heute vor allem der Name der Apollogasse und die Vorstellung, dass hier einmal ein Ort stand, der wie ein frühes Freizeitparadies am Neubau wirkte.
Vielleicht lebt der Geist des ursprünglichen Apollosaals bis heute weiter, denn im Kenyon-Pavillon des sophie7-Areals befinden sich die Veranstaltungsräume Apollosaal und Kenyonsaal, vermutlich benannt in Erinnerung an den früheren „Feenpalast vom Brillantengrund“. Wo Anfang des 19. Jahrhunderts Musik, Lichterglanz und rauschende Feste die Menschen anzogen, bietet heute der gleichnamige Apollosaal mit 377 Quadratmetern Raum für Kongresse, Konzerte, Galas und Bälle, ganz so, als hätte der alte Apollosaal lediglich seine Form, nicht aber seine Bestimmung verändert.

Wo heute ein unscheinbares Haus steht, lag einst der "Feenpalast vom Brillantengrund".© Verena Lukanz
Wo heute ein unscheinbares Haus steht, lag einst der „Feenpalast vom Brillantengrund“. © Verena Lukanz

Westbahnstraße 13: Ein Gebäude, das aus der Reihe fällt

Auf dem Weg in Richtung Westbahnstraße bleibt unser Blick plötzlich an einem Gebäude hängen, das sofort aus dem Straßenbild heraussticht. Zwischen den historischen Fassaden des Grätzls erhebt sich in der Westbahnstraße 13, 1070 Wien, an der Ecke zur Bandgasse ein Bau, der eher an eine moderne Skulptur als an ein Wohnhaus erinnert. Dort, wo früher das kreative Fox House beheimatet war, entstand zwischen 2012 und 2014 ein Wohnprojekt, das bewusst mit den gewohnten Formen der Gründerzeit bricht. Während rundherum Bauten aus dem 18. und 19. Jahrhundert das Stadtbild prägen, wirkt dieses Gebäude wie eine gefaltete Skulptur aus Papier. Seine Form verleiht ihm eine besondere Dynamik, die man am Neubau nicht an jeder Ecke findet.
Verantwortlich für das Projekt waren die Architekten Steinbacher Thierrichter, die für den markanten Eckstandort einen echten Blickfang schaffen wollten. Die weiße Glasfassade mit ihren scharfen Kanten und gefalteten Flächen erinnert an ein riesiges Origami-Modell. Je nach Tageszeit spiegeln sich die umliegenden Häuser in den Glaspaneelen und lassen den Bau immer wieder anders wirken. Verstärkt wird dieser Effekt durch die leicht zur Straße geneigte Fassade, die dem Gebäude eine besondere Präsenz verleiht. Zur Bandgasse zeigt sich das Haus dagegen zurückhaltender: Hier dominieren dunkle Putzflächen und übereinander gestapelte Fensterbänder.
Spannend ist auch die Geschichte hinter dem Projekt. Nicht der gesamte Altbestand wurde abgerissen. Teile eines Biedermeiertrakts sowie eines Hofgebäudes aus der Gründerzeit konnten erhalten, saniert und aufgestockt werden. Gemeinsam mit dem Neubau entstand so ein Ensemble aus drei eigenständigen Baukörpern, die sich um einen ruhigen Innenhof gruppieren. Heute befinden sich hier zahlreiche Wohnungen sowie Geschäftsflächen, darunter auch das Schallplattengeschäft „Schallter Audio & Records“.
Wir wechseln die Straßenseite und bleiben noch einmal stehen. Erst aus dieser Perspektive wird deutlich, wie stark sich das Gebäude absetzt. Es bringt eine moderne Ästhetik in die Westbahnstraße und macht sichtbar, dass hier auch für ungewöhnliche Architektur Raum bleibt.

Wie eine gefaltete Skulptur setzt sich das Wohnprojekt an der Westbahnstraße 13 markant von der umliegenden Gründerzeitarchitektur ab.© Verena Lukanz
Wie eine gefaltete Skulptur setzt sich das Wohnprojekt an der Westbahnstraße 13 markant von der umliegenden Gründerzeitarchitektur ab. © Verena Lukanz

Ein Stück Otto Wagner mitten im Siebten

Wer sich mit der Architektur Wiens beschäftigt, stößt unweigerlich auf einen Namen: Otto Wagner. Kaum ein anderer Architekt hat die Bundeshauptstadt so nachhaltig geprägt wie er. Von den Stationen der Stadtbahn über den Pavillon am Karlsplatz bis zur Kirche am Steinhof ziehen sich seine Spuren durch ganz Wien. Dass sich eines seiner persönlichsten Bauwerke ausgerechnet im 7. Bezirk befindet, überrascht dabei kaum.
Von der Westbahnstraße aus geht es weiter Richtung Norden, bis wir nach wenigen Minuten in die schmale Döblergasse gelangen. Dort ließ Otto Wagner 1912 die beiden großstädtischen Wohnhäuser mit den Hausnummern 2 und 4 errichten. Es waren die letzten Miethausbauten, die nach seinen Plänen verwirklicht wurden. In Haus Nummer 4 richtete er schließlich auch seine Stadtwohnung ein und lebte dort bis zu seinem Tod im Jahr 1918. Heute trägt das Gebäude die Adresse Neustiftgasse 40 und wirkt auf den ersten Blick überraschend schlicht. Doch gerade darin zeigt sich Wagners Handschrift. Die Fassade ist klar gegliedert und verzichtet auf überflüssigen Schmuck. Stattdessen setzte er auf feine Putznuten, die die Wandflächen strukturieren, und auf funktionale Gestaltung. Selbst die Hausnummer wurde Teil des Entwurfs: „Neustiftgasse 40“ ist mit schwarzen Glasplättchen direkt in die Fassade eingelassen. Auch das mit Aluminium beschlagene Haustor zeugt von seinem Interesse an modernen Materialien.
Neben dem Eingang erinnert heute eine von seinem Schüler Carl Reinhart gestaltete Gedenktafel an den berühmten Bewohner. In Wagners ehemaliger Wohnung befindet sich seit 1985 das Otto-Wagner-Archiv der Akademie der bildenden Künste. Während wir vor dem Haus stehen, zeigt sich schnell: Hinter manchen Fassaden steckt mehr, als man im Vorübergehen vermuten würde. Und manchmal reicht ein kurzer Blick, um einem der wichtigsten Architekten Wiens ganz nah zu kommen.

In der Döblergasse zeigt sich Otto Wagners letzte Wohnarchitektur in einer klaren, funktionalen Formensprache, die bis heute seine Handschrift trägt. © Verena Lukanz
In der Döblergasse zeigt sich Otto Wagners letzte Wohnarchitektur in einer klaren, funktionalen Formensprache, die bis heute seine Handschrift trägt. © Verena Lukanz

Zwischen Gürtel und Panorama: Die Hauptbücherei als liegender Leseturm

Wir befinden uns schon kurz vor Ende unserer Entdeckungstour, die wir auf der Mariahilfer Straße beenden wollen. Davor möchten wir aber noch einen kurzen Abstecher zum Gürtel machen. Denn direkt über der U-Bahn-Station Burggasse/Stadthalle erhebt sich ein Gebäude, das schon durch seine Lage überrascht: die Hauptbücherei Wien am Urban-Loritz-Platz 2a, 1070 Wien. Entstanden aus einem EU-weiten Architekturwettbewerb und von Architekt Ernst Mayr geplant, wurde sie im April 2003 eröffnet und setzt seitdem ein markantes Zeichen am Wiener Gürtel. Was hier entstanden ist, wirkt fast wie ein „liegender Leseturm“: ein langgestreckter Baukörper, der sich über die Stadt legt und die darunterliegende U6-Station sowie den Urban-Loritz-Platz räumlich miteinander verbindet.
Schon beim Näherkommen fällt die besondere Architektur auf: Der rund 150 Meter lange Bau passt sich in seiner Höhe der Umgebung an, während seine geschlossenen Seitenflächen bewusst den Lärm der beiden Gürtelstraßen abschirmen. Zur Stadtseite hin öffnet sich das Gebäude jedoch großzügig. Eine monumentale Freitreppe führt vom Urban-Loritz-Platz hinauf und verbindet Bibliothek, Platz und Stadt zu einem gemeinsamen Raum. Ergänzt wird diese Öffnung durch eine rund 130 Meter lange Stahl-Glas-Konstruktion, die den Platz teilweise überdacht und ihn neu definiert.
Im Inneren zeigt sich die Hauptbücherei als modernes Medienzentrum: Rund 300.000 Medien stehen zur Verfügung, darunter Bücher, Zeitschriften und digitale Angebote, ergänzt durch zahlreiche computerunterstützte Arbeitsplätze. Doch fast noch beeindruckender als das Medienangebot ist der Ausblick: Von der Terrasse reicht der Blick über die Stadt bis hin zum Kahlenberg, zum Leopoldsberg und weit in den Wienerwald. Zwischen Bücherregalen, Stadtlärm und weitem Ausblick wird die Hauptbücherei so zu einem Ort, an dem Wissen, Architektur und überraschende Perspektiven auf Wien aufeinandertreffen.

Die Hauptbücherei am Gürtel verbindet Architektur, Stadtraum und Wissen zu einem offenen Kulturort. © Verena Lukanz
Die Hauptbücherei am Gürtel verbindet Architektur, Stadtraum und Wissen zu einem offenen Kulturort. © Verena Lukanz

Das Stafa: Ein Kaufhaus mit vielen Leben

Den Abschluss unseres Spaziergangs machen wir an der Ecke Kaiserstraße/Mariahilfer Straße 120, 1070 Wien, wo ein Gebäude steht, das die Veränderungen der umliegenden Viertel seit mehr als 100 Jahren erlebt hat: das Stafa. Der markante Rundbau gehört längst zum Stadtbild und erinnert an die Zeit, als die Mariahilfer Straße begann, sich zur großen Wiener Einkaufsstraße zu entwickeln. Erbaut wurde es 1910 als „Mariahilfer Zentralpalast“ nach Plänen des Architekten Jakob Wohlschläger. Schon damals sollte es als modernes Warenhaus die Menschen anziehen. Doch die Geschichte des Gebäudes verlief alles andere als geradlinig. Geschäftspleiten, Umbauten und neue Nutzungskonzepte prägten die folgenden Jahrzehnte.
Je länger man über das Gebäude recherchiert, desto mehr Geschichten kommen zum Vorschein. Eine davon führt ins Souterrain: Dort befand sich ab 1920 ein Kino mit rund 600 Plätzen, das bis ins Jahr 1956 Besucher*innen anzog. Man kann sich gut vorstellen, wie hier einst eingekauft, flaniert und anschließend ein Film angesehen wurde. Das Stafa war damit schon früh nicht nur ein Kaufhaus, sondern auch ein Ort der Unterhaltung und Begegnung.
Sein heutiges Erscheinungsbild verdankt das Gebäude einem umfassenden Umbau im Jahr 2016. Die dunkle Fassade mit ihren blau spiegelnden Glaspaneelen verleiht dem markanten Rundbau einen modernen Charakter. Gleichzeitig erinnern die orangefarbenen Relieftafeln des Bildhauers Anton Hanak an die Geschichte des Hauses. Besonders bei Sonnenuntergang oder in den Abendstunden verändert das Gebäude immer wieder sein Gesicht, wenn sich Licht und Spiegelungen auf der Fassade abzeichnen.
Auch im Inneren hat sich vieles gewandelt. Aus dem ehemaligen Kaufhaus wurde ein Hotel mit 186 Zimmern, dazu kommen Geschäfts- und Büroflächen. Während wir hier stehen und das geschäftige Treiben der Mariahilfer Straße beobachten, zeigt sich schnell: Das Stafa erzählt nicht nur die Geschichte eines Gebäudes, sondern auch jene einer Einkaufsstraße im Wandel.

Mit seiner markanten Rundform prägt das Stafa seit 1910 die Ecke Kaiserstraße / Mariahilfer Straße. © Verena Lukanz
Mit seiner markanten Rundform prägt das Stafa seit 1910 die Ecke Kaiserstraße/Mariahilfer Straße. © Verena Lukanz

Fazit: Zwischen Fassaden und Geschichten

Am Ende unseres Spaziergangs durch Neubau zeigt sich ein klares Bild: Der 7. Bezirk ist ein dichtes Geflecht aus Geschichte, Architektur und Wandel. Hinter jeder Ecke verbergen sich überraschende Erzählungen. Zwischen barocken Spuren, modernen Baukörpern und fast vergessenen Orten entstehen Verbindungen, die sich oft erst beim genaueren Hinsehen erschließen. Wer sich darauf einlässt und aufmerksam durch die Straßen geht, entdeckt im Siebten weit mehr als Fassaden und macht aus der eigenen Erkundungstour etwas ganz Besonderes.

Quellen und weiterführende Lesetipps:

Text und Fotos: Verena Lukanz, außer wenn anders angegeben

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