Die Zieglergasse – Von Backsteinen, Arbeiterschaft und Volkserheiterung

Die Zieglergasse zählt zu den bekanntesten Straßen Neubaus, höchste Zeit also, dass wir ihr einen Artikel widmen. Die vormals als Ziegelofengasse beziehungsweise Ziegelgasse bekannte Einkaufsmeile lässt nicht viel Raum für Spekulation, wenn es darum geht, die Namensgebung der Straße zu ergründen. Hat wohl was mit Ziegeln zu tun. Und welch Überraschung, tatsächlich, die Zieglergasse wurde nach den Ziegeleien, die man in der Gegend bis zu Beginn des 19. Jahrhunderts vorfand benannt. Die aus gebranntem oder getrocknetem Lehm hergestellten Backsteine dienten neben Holz und Stein als Hauptbaustoff des alten Wiens. Oftmals wurden sie mit einer Prägung versehen, um auf den Herstellungsort zu verweisen. Durch das fortschreitende Wachstum der österreichischen Bundeshauptstadt im 19. Jahrhundert und den damit verbundenen erhöhten Bedarf an Ziegeln wurde die Branche gezwungenermaßen industrialisiert und kleinere Ziegeleien verschwanden. Doch nicht nur Werkmaterial wurde am Neubau produziert, auch das edle Handwerk der Gold- und Silberschmieden war hier vorzufinden. Noch heute erinnert ein kleines Museum in der Zieglergasse Nummer 22 an die kunstvollen Erzeugnisse der eifrigen Gesellen.

Bildung gibt den Schwachen Kraft

Durch die lesenswerte Artikelreihe „Die Lage der Ziegelarbeiter“ im sozialistischen Arbeitermagazin „Gleichheit“ machte Victor Adler seiner Zeit auf die menschenunwürdigen Arbeitsbedingungen in den Ziegelwerken am Wienerberg aufmerksam. Aufgrund der daraus resultierenden öffentlichen Empörung sah sich die Werksleitung gezwungen, den Forderungen der Arbeiter nachzugeben. So einigte man sich auf den 11-Stunden-Tag und eine geringe Lohnerhöhung. Man kann sich also vorstellen, wie mies es den Arbeitern vor besagtem Zugeständnis ging. Die Zieglergasse hat zwar nichts mit der Ausbeutung am Wienerberg zu tun, doch auch hier wurde den Proletariern Kraft gegeben. So befand sich im Haus Nummer 18 einst ein Lesezimmer des Arbeiterbildungsvereins. Die Märzrevolution 1848 hatte der Wiener Arbeiterschaft verdeutlicht, dass ihrem Elend nur durch Bildung ein Ende gesetzt werden konnte. In der ganzen Stadt entstanden Vereine, deren Ziel es war, dem einfachen Mann Wissen zu vermitteln. Das Bildungsprogramm bestand aus Vorträgen, Lesungen, Gesangsstunden und der Möglichkeit, sich Bücher auszuborgen.

Alltagsliteratur und Heimatkunst

zieglergasse emil ertl
Emil Ertl

Der spätere Schriftsteller Emil Ertl wurde im Jahr 1860 als Sohn einer Seidenweberfamilie in der Zieglergasse Nummer 33 geboren. Er wuchs im Siebten auf und besuchte, wie auch heutzutage mancher Sohn und manche Tochter Neubaus, das Gymnasium in der Amerlinggasse. Nachdem Ertl in Graz Philosophie studiert hatte, war er als Bilbliotheksdirektor der Technischen Universität Wien tätig. Doch das wahre Handwerk des Gelehrten war die Schreibkunst. Seine Bücher orientieren sich an dem Leben des Wiener Bürgertums, das er aus nächster Nähe beobachtete. Er gilt als einer der wichtigsten literarischen Vertreter der österreichischen Heimatkunst. In der Romanreihe „Ein Volk an der Arbeit“ schildert Ertl beispielsweise den Werdegang einer aufstrebenden Schottenfelder Seidenweberfamilie. Der Nachlass des Schriftstellers kann im Bezirksmuseum Neubau begutachtet werden.

Talent kennt kein Alter

Doch Ertl ist nicht der einzige Wortakrobat, dessen Schicksal mit der Zieglergasse verknüpft ist. Wilhelm Wiesberg, seines Zeichens Volkssänger und Dichter, verstarb im Jahr 1896 im Haus Nummer 59. Bereits in jungen Jahren zeigte Wiesberg sein Sprachtalent und seinen Sinn für Humor. Nachdem er seine Karriere am Theater an der Josefstadt als Kinderschauspieler begonnen hatte, arbeitete er bereits im zarten Alter von 13 Jahren als externer Mitarbeiter für die komödiantischen Blätter „Figaro“, „Kikariki“, „Zeitgeist“ und „Floh“. Einige Jahre später begeisterte er durch satirische Volkslieder über „typische Wiener“ ein beachtenswertes Publikum. Bekannte Titel Wiesbergs sind beispielsweise „Das hat ka Goethe gschriebn, das hat ka Schiller dicht“, „Die Näherin“ oder „Der erste Schnee“. Noch heute erinnert eine Gedenktafel in der Neustiftgasse 96, wo sich das Stammlokal des Dichters befand, an sein großes Talent.

Fotos: unsplash.com/ wikipedia.org

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