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Posted On 15. Januar 2017 By In Anno dazumal, Übers Grätzel With 1673 Views

Kunstmäzenin, Unternehmerin, Künstlerin, Verfolgte – Namensgebende Frauen am Neubau

Vier Straßen und Plätze erinnern am Neubau an starke, mutige und einflussreiche Frauen. Dreieinhalb um genau zu sein.
Ein Versuch über die Frage der Perspektive.

Ceija-Stoika-Platz, Kenyongasse, Jenny-Steiner-Weg, Augustinplatz – so schnell sind sie aufgezählt, die Straße, die Gasse, das Wegerl und der Platz (alles im Singular) im 7. Bezirk, die nach Frauen benannt wurden.

Weibliche Straßennamen Wien 1070 Veronika FischerIch wollte Ihnen ursprünglich einen Artikel mit einer Auswahl aus den Straßen mit weiblichen Namensgeberinnen am Neubau schreiben, aber dann stellte sich heraus, wie viele es insgesamt sind und der Plan musste dementsprechend adaptiert werden. Bevor man diesem Blog-Eintrag feministische Züge unterstellt, erlauben Sie mir, eine sachliche Darstellung: Am Neubau gibt es sechzig Straßen/Gassen/Plätze. Die Mehrheit, nämlich 35, ist von Ortsbezeichnungen (zB Schottenfeldgasse oder Lerchenfelder Straße), Berufen sowie angesiedelten Betrieben (zB Fassziehergasse oder Seidengasse) oder Häusernamen (zB Kandlgasse, Mondscheingasse oder Siebensterngasse) abgeleitet. Für ein Drittel der Straßennamen fungierten männliche Persönlichkeiten als Namensgeber. Das mag zunächst als viel erscheinen, aber sehen Sie mal: Siebzig Prozent aller Straßennamen im 7. Bezirk wurden vor 1900 vergeben – das waren ganz einfach noch andere Zeiten.

Alles eine Frage des Blickwinkels

Und selbst da… in diesen vom Patriarchat geprägten Zeiten… schaffte es 1892 eine Frau, ihren Namen im Straßennetz am Neubau zu verewigen: Eugenie Louise Gräfin Kenyon. Nach ihr ist die Kenyongasse benannt.
Machen wir gedanklich noch einen Schritt zur Seite, um die Perspektive auf das Thema zu wechseln: Um Straßen zu benennen, muss es erst welche geben, die neuer Namen bedürfen, schließlich und endlich können Namen nicht nur der Gendergerechtigkeit wegen geändert werden. Aber sehen Sie sich diese Facts and Figures an: Seit dem Jahr 2000 wurden genau fünf Plätze und ein Weg am Neubau benannt. Drei von ihnen nach Frauen – die Hälfte also.

Frauen als Namenspatroninnen am Neubau

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Der Ceija-Stojka-Platz ist für BesitzerInnen eines nicht brandaktuellen Taschenstadtplans, wie dem meinen, nicht ganz leicht zu finden, da es sich um den zweitjüngsten Platz am Neubau handelt (jünger ist nur der Platz der Menschenrechte – beide wurden im Jahr 2014 benannt). Das Smartphone schlägt allwissend vor, ihn an der Lerchenfelder Straße auf Höhe der Altlerchenfelder Kirche zu suchen. Der begrünte Platz, in dessen Mitte sich ein Wasserspiel befindet, liegt in der Morgensonne noch halb im Schatten der wunderschönen Kirche.
Ceija Stojka (Margarete Horvath-Stojka, 1933-2013) war das Kind fahrender Lovara-Roma und überlebte drei nationalsozialistische Konzentrationslager in der Zeit von 1941 bis 1945. Von 200 Verwandten aus ihrer Großfamilie überlebten nur sechs Personen. Nach Ende des Krieges ließ sie sich in Wien nieder. Ende der Achtziger erschien Ceija Stoijkas erstes Buch, Wir leben im Verborgenen, in dem sie auf das Schicksal ihres Volkes in den Konzentrationslagern aufmerksam machte. Weitere Veröffentlichungen folgten. Die Malerei entdeckte Ceija Stoijka bei einer Japan-Reise für sich und verlieh fortan ihren Erinnerungen und Erlebnissen auf diese Weise Ausdruck. Ihr Schaffen wurde mit zahlreichen Auszeichnungen wie dem Bruno-Kreisky-Preis für das politische Buch (1993), dem Goldenen Verdienstkreuz des Landes Wien (2001), der Humanitätsmedaille der Stadt Linz (200OLYMPUS DIGITAL CAMERA4), dem Goldenen Verdienstzeichen des Landes Oberösterreich (2005) und dem Fernsehpreis der Erwachsenenbildung (2006) bedacht.
Am 12. September 2014 ludt der Bezirksvorsteher von Neubau, Thomas Blimlinger, zur Enthüllung der offiziellen Namenstafel des Ceija-Stojka-Platzes, der an eine Frau erinnert, die selbst lange am Neubau lebte und arbeitete und sich unermüdlich dafür einsetzte, die Verfolgungsgeschichte der Roma und Sinti im Nationalsozialismus zu thematisieren.

OLYMPUS DIGITAL CAMERADer Augustinplatz – wir haben ihn uns im Rahmen eines virtuellen Spazierganges auf den Spuren der 2. Türkenbelagerung bereits näher angesehen – wurde 2008 doppelt benannt und erinnert einerseits an Marx Augustin – besser bekannt als „Der liebe Augustin“ – andererseits aber auch an die Sängerin, Diseuse, Schauspielerin und Synchronsprecherin Liane Augustin (1928-1978).
Die in Berlin geborene Tochter eines österreichisch-deutschen Künstlerehepaares kehrte 1944 in die Heimatstadt ihres Vaters, nach Wien, zurück. Liane Augustin begeisterte sich für die Sängerin Ilse Werner und entschloss, ihr beruflich nachzueifern, was die Eltern mit Gesangsunterricht und später einem entsprechenden Studium unterstützten. Dank ihrer Sprachbegabung, trug sie ihr Repertoire in sechs Sprachen vor, fand in der Bohème-Bar ein künstlerisches Zuhause und schloss 1949 ihren ersten Schallplattenvertrag ab. Auf 16 Alben, die bis Anfang der 1960er Jahre erschienen, interpretierte Liane Augustin gehobene Wiener Lieder und deutsche sowie internationale Evergreens mit unverkennbarer Stimme. Engagements in Rundfunk und Fernsehen machten sie einem breiten, internationalen Publikum bekannt. Anfang der Fünfziger heiratete sie den Geschäftsmann Gabriel Kenézy, der die Wiener Eden Bar erwarb und seine Frau zur Grande Dame des Hauses erhob. Unter seiner Führung erlebte die Eden Bar ihre neue Blüte und Liane Augustin galt mit ihrem musikalischen Trio als Publikumsmagnet.
Im Lauf ihrer Karriere bereiste sie die Welt, nach ihrer Trennung von Kenézy verschlug es sie auch privat ins Ausland. Als Liane Augustin in den 1970ern nach Wien zurückkehrte, waren die Auftrittsmöglichkeiten mit dem ihr vertrauten Musikstil rar geworden. Ihr plötzlicher Tod mit 50 Jahren am 30. April 1978 an postoperativ auftretenden Blutungen hinterließ menschlich, wie künstlerisch eine große Lücke, die Schauspieler Fritz Muliar bei der Trauerfeier feststellen ließ: „Das ist der Anfang vom Ende einer Epoche.“

OLYMPUS DIGITAL CAMERADer Jenny-Steiner-Weg liegt an der Straßenecke Seidengasse, Hermanngasse und Ahornergasse (übrigens die alphabetisch erstgereihte Gasse des Bezirkes) und wurde im Jahr 2009 nach der Seidenfabrikantin Jenny Steiner (geb. Eugenie Pulitzer, 1863-1958) benannt. Als Kunstsammlerin war sie Auftraggeberin vieler Arbeiten Gustav Klimts sowie einer Reihe von Egon Schieles Werken und förderte so die heimische Kunstszene. Einige ihrer Bilder sind heute im Besitz der Österreichischen Galerie Belvedere und des Leopold Museums. Darüber hinaus war Jenny Steiner Gesellschafterin einer in der Westbahnstraße 21 ansässigen Seidenmanufaktur, die sie nach dem frühen Tod ihres Mannes mit ihrem NefOLYMPUS DIGITAL CAMERAfen weiterführte. Da der modernen Unternehmerin das Wohl ihrer Belegschaft ein Anliegen war, finanzierte sie beispielsweise Werkswohnungen. Im Jahr 1938 flüchtete sie vor dem NS-Regime und gelangte über Frankreich, Portugal und Brasilien in die USA. 1958 verstarb sie 95-jährig in New York. Mit der Benennung des Weges nach der Kunstmäzenin, sollte nicht zuletzt ein wichtiges Zeichen im öffentlichen Raum gesetzt werden, um der Vertriebenen posthum die Wertschätzung des Bezirks zu erweisen.

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Die Kenyongasse teilt sich den Straßenzug mit der Wimbergergasse – am Urban Loritz-Platz stehend und stadteinwärts blickend, ist zu Ihrer Linken die Wimberger- zu Ihrer Rechten die Kenyongasse. Letztere wurde 1892 nach Eugenie Louise Gräfin Kenyon (geborene Turovsky, 1806-1877) benannt, deren Vermögen nach ihrem Tod in die Eugenie-Kenyon-Stiftung floss, um die Gründung des Sophienspitals zu ermöglichen. Heute erinnert neben der Kenyongasse auch eine Gedenktafel im Vestibül des dortigen Kenyon-Pavillons an die großzügige Stifterin. Es ist allerdings auch der Verdienst ihres Mannes, Eduard Graf Kenyon (1785-1856), der 1845 ein parkähnliches Grundstück zwischen Kaiserstraße und Linienwall erwarb und seine Ehefrau Luise verpflichtete, dieses nach seinem Ableben der Errichtung eines Spitals zu widmen. Am 28. Mai 1881 wurde das Spital durch Erzherzogin Sophie – der Mutter von Kaiser Franz Joseph I. – eröffnet. Nach der Übernahme des Spitals durch deOLYMPUS DIGITAL CAMERAn Wiener Krankenanstaltenfonds im Jahr 1900 wurden weitreichende Umgestaltungen und eine Vergrößerung vorgenommen, in den 1980ern übernahm die Stadt Wien das Areal und wandelte es in das uns heute bekannte Pflegezentrum Sophienspital um.

Weitere spannende Infos über Straßennamen im 7. Bezirk gibt es übrigens auch von Daniel Klingler, der sich für Sie die Halbgasse, die Kaiserstraße und die Westbahnstraße angesehen hat.
Zum Thema männliche/weibliche Straßennamen gibt es übrigens eine interessante und übersichtliche Karte auf der Webseite genderATlas.at

Fotos:Veronika Fischer

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... legt Wert auf treffende, bedeutungsschwere Worte. Hat dafür sogar eine Waagschale. Liebt das Kreative und Ungewöhnliche. Erzählt den im7ten-LeserInnen am liebsten UnternehmerInnengeschichten, die man beim Einkaufen im Grätzl sonst nicht so schnell erfährt.

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