Posted On 30. Juni 2015 By In Architektur With 2520 Views

In der Hermanngasse 17 liegt Rauch in der Luft.

Pfeifenstatue

Ein Londoner Detektiv wandelt im 7ten auf rauchenden Spuren.

Es war im Jahre 1922, der Erste Weltkrieg  war vorbei, und der in Mariahilf angesiedelte, auf Rauchrequisiten spezialisierte Wiener Drechslermeister Adolf Lichtblau suchte eine neue Bleibe. Und diese fand er in einem zierlichen Haus der frühen Biedermeierzeit in der Hermanngasse 17. Ein faszinierendes Ensemble mit Garten und  Springbrunnen in einem florierenden Handwerksbezirk. Neben Kürschnern und Seidenfabrikanten war dieses Grätzel auch kulturell höchst ansprechend, da sich aufgrund der Filmindustrie ein Zentrum von Filmproduktionsstätten, Filmschaffenden und Cafés rund um die Neubaugasse etabliert hatte.

Was hat Ernst Lichtblau damit zu tun?

Für die Umgestaltung des Hauses wurde ein Verwandter, Ernst Lichtblau, engagiert, welcher unter anderem die Meisterklasse bei Otto Wagner absolviert hatte. Immer an den „Bedürfnissen der modernen Kulturmenschen“ interessiert, bewegte er sich zwischen Architektur, Innenraumgestaltung, Design und Vermittlung. Abgesehen von dem Anbau eines Wohntraktes und der Einfügung eines Schauraumes, konzentrierte er sich auf die Bewahrung der Außenfassade mit ihren historischen Besonderheiten – so wie beispielsweise die sich nach außen öffnenden Fensterläden.

An der Fassade wurde zentral eine Skulptur  von einem Turban tragenden und Calabashpfeife rauchenden Mann angefügt. Dieses Hauszeichen wurde in dem damals führenden Kunstgewerbebetrieb für Metallwaren und dekorative Kleinplastiken von Carl Hagenauer entworfen und gefertigt.

Diese, einer Gallionsfigur ähnelnde Skulptur, hält ein besonders exotisches Rauchrequisit, welches aufgrund seiner fülligen S-Form und dem trichterförmigen Kopf an ein Saxophon erinnert, in den Händen. Hergestellt wird der Korpus dieser Pfeife aus einem südafrikanischen Flaschenkürbis, der Kalebasse.

Zusammenspiel von Architektur und Kunstgewerbe

Einen Hauch von Modernität umschwingt dieses Haus, welches ebenso Ruhe und Geborgenheit ausstrahlt. Ein Begriff von Modernität, welchen er als Schüler Otto Wagners auf mehreren Ebenen in seinem Schaffen reflektierte: das Zusammenspiel von Architektur und Kunstgewerbe, von Zweck, Konstruktion und Poesie.

Und die fabelhafte Welt der Wörter ist es auch, welche die Pfeifenstatue mit dem wohl berühmtesten Detektiv aller Zeiten verbindet. Auch er, Sherlock Holmes, rauchte wie die Skulptur an der Fassade Hermanngasse 17, neben Zigarren und Zigaretten, ausschließlich Calabasha-Pfeife.

Und der Zusammenhänge noch nicht genug:

Eines Tages spazierte Eva Pils an dieser eindrucksvollen Plastik vorbei und diese zog sie sogleich in ihren Bann. Es imponierte ihr, dass dieses riesige Abbild einer längst vergangenen Zeit einfach so, ohne jegliche Beschilderung, in den Gehsteig hervorsticht und sie begann sofort an Ort und Stelle zu zeichnen. Auf einem Karton, denn dieser ist in spontanen Situationen leicht auffindbar und abgesehen davon per se eine gegebene Plastik. Und dieses Relief des Kartons ist ein Merkmal ihrer Kunstwerke.
Fertiggestellt hat sie ihr Kunstwerk dann allerdings zuhause, um es dann während des Kunstfrischmarktes Neubau 2015 im Amtshaus auszustellen und interessierten Augenpaaren zu präsentieren.

Fazit: Es braucht nicht viel. Muße und den richtigen Augenblick; und das Schlendern mit offenen Augen.

Mehr Kunstwerke von Eva Pils findet ihr unter www.evapils.com

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miriam.tsekas@gmx.net'

Die Germanistikstudentin liebt die Natur sowie die Kultur gleichermaßen. Ihr Bestreben, in der Kultur schöpferisch Fuß zu fassen und für eine breite Allgemeinheit tätig zu werden, hat sie in der Recherche am Volkstheater bereits verwirklicht. Was die Natur anbelangt, geht ihr aber weiterhin nichts über einen regennassen Sommertag oder schneebedeckte Berge. Derart minimalistisch und existenziell kann das Schreiben also sein und wer sich davon selbst ein besseres Bild machen möchte, liest am besten gleich auf www.im7ten.com nach ☺

2 Responses

  1. bruno.glaeser@googlemail.com'

    Durch das Wiederholen einer Mär wird sie nicht wahrer. Als die fiktive Figur Sherlock Holmes in Jahr 1887 das Licht der Welt erblickte, gab es zwar die Calabash schon, wurde aber erst nach dem Burenkrieg 1899-1902 populär. In keinem der Bücher ist eine Calabash erwähnt, vielmehr findet die Tonpfeife häufiger Erwähnung. Es ist eher anzunehmen, daß er eine Peterson System geraucht hat, die 1875 patentiert wurden.

  2. bruno.glaeser@googlemail.com'

    Durch einen Katalog der Firma Dunhill bin ich auf die Adresse Hermanngasse 17 gestossen. Die Fa. Lichtblau hatte, neben Rothschild jr. In Frankfurt, die einzige Vertretung der englischen Nobelmarke im damaligen Deutschen Reich.

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