Posted On 10. April 2016 By In Anno dazumal, Shops With 1839 Views

Karl Peter’s Söhne – 284 Jahre Posamentrie-Erfahrung

Sie gehen zügig die Neubaugasse nummernaufsteigend entlang und werden in Ihrer Eile vom zarten Klimpern einer Spieluhr gebremst. Man sieht förmlich die Kindernasen, die sich am Schaufenster Neubaugasse 11-13 die Nasen plattdrücken. Über einen Lautsprecher wird die Melodie nach Draußen getragen.

Karl Peter´s Söhne Innen„Karl Peter’s Söhne“ steht in großen Lettern über dem Eingang, drinnen beginnt das Paradies für HandarbeitsliebhaberInnen – Wolle, Garne, Borten, Bänder, Kordeln, Kurzware. Und mittendrinnen in dieser fein sortierten Farbenpracht warten Herr Peter, seine Frau und eine der Töchter des Hauses, um die KundInnen mit fachlicher Beratung zu unterstützen. Service ist hier völlig selbstverständlich. Herr Peter berät gerade eine Dame, die die Kordel um neun ihrer Stühle erneuern möchte. Wie viel Kleber sie dafür braucht, möchte sie wissen. „Zwei werden Sie sicherlich brauchen gnä’ Frau.“ Zum Kauf einer dritten Packung will er sie nicht drängen. „Kommen S’ zurück, wenn es sich nicht ausgeht.“ Die Kundin ist extra hierhergekommen, wissend, dass sie hier genau das bekommt, was sie benötigt. Ein zweites Mal für dasselbe Projekt ist ihr der Weg zu mühsam – Herr Peter versteht das vollkommen und er berät sie, was sie alternativ für den Rest verwenden kann, sollte es mit zwei Packungen knapp werden.
Herr Peter verfügt über fast drei Jahrhunderte tradiertes Fachwissen – er verkörpert die achte Generation eines Familienunternehmens, das seine Wurzeln im Jahr 1732 in Wien schlägt.

Wie alles begann

Borten wurden in Handarbeit gefertigt

Die Schnurmacherfamilie Peter stammt aus dem Bayerischen Dinkelsbühl. Weil sein älterer Bruder den väterlichen Betrieb übernimmt, macht sich der junge Heinrich Peter auf in die Stadt an der Donau, wo in jener Zeit in der Vorstadt, im Schottenfeld, heute Teil des 7. Bezirks, reges Treiben in den dort ansässigen Seidenmanufakturen herrscht. Die erste Werkstätte, in der Schnüre und Borten gefertigt werden, befindet sich an der Ecke Glacis/Josefstädter Straße, später zieht man mehrfach um – in die Neubaugasse, ins Schottenfeld, die Zieglergasse – bleibt jedoch immer absatzorientiert als Zulieferer in der Gegend um den Brillantengrund. Ja, ein historischer Betrieb, wie der der Familie Peter, hat viele Stationen hinter sich. Im Jahr 1793 beispielsweise wurde die 3. Peter-Generation in den Bürgerstand erhoben. Die Urkunde hat Karlheinz Peter, so wie unzählige andere Dokumente, die die Geschichte des Betriebes erzählen, in liebevoller Recherche aus den Archiven der Stadt zusammengetragen.

Die langen Schnurbahnen erforderten weitläufige Werkstätten

Dort ist beispielsweise auch zu lesen, dass es 1736 in Wien insgesamt 308 Mitglieder der Posamentriezunft gab – unter ihnen die Krepin- und Knopfmacher, die Bandmacher und die Schnürmacher. Heute sind es österreichweit nur noch eine handvoll Klein- und Mittelbetriebe, die in dem Gewerbe tätig sind. Die Erzeugung übernehmen heute eher Großbetriebe aus Deutschland und Italien, die die Arbeit teilweise auslagern – vieles wird auch heute noch von Hand in Heimproduktion hergestellt.

 

Die 8. Generation übernimmt die Fäden

Unternehmer Karlheinz Peter

Karlheinz Peter selbst kam vor etwa fünfzig Jahren nach Wien, übernahm wenige Jahre später den väterlichen Betrieb und führte ihn mutig in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts, in dem es galt den gesellschaftlichen Veränderungen ins Auge zu sehen – die Manufaktur wurde geschlossen und neue Geschäftsfelder erobert. Heute ist das Unternehmen Karl Peter’s Söhne ein renommiertes Handarbeitsgeschäft, das sich auf Handstickereien und Produkte mit vorwiegend manueller Produktion spezialisiert hat. Die einstigen Lagerräume wurden in eine vergrößerte Verkaufsfläche umgewandelt, auf der die jüngste Erweiterung des Verkaufsprogrammes, und Karlheinz Peters besonderes Liebkind, Platz findet: Das Spieluhrensortiment, das sich bereits anfangs mit zarten Tönen in unsere Ohren geklimpert hat.

Unternehmer sein am Neubau

Über die Neubaugasse gibt es viel zu erfahren.

Der Epochen überdauernde Firmenbestand beweist die Anpassungsfähigkeit der vielen Peter-Generationen, die man auch in der derzeitigen Firmenspitze spürt. Karlheinz Peter ist einer der ur-eingesessenen Unternehmer am Neubau. Gemeinsam mit Werner Sopper – dem Mastnak-Geschäftsführer (ihm werden wir in Kürze begegnen, wenn ich Sie wieder virtuell auf Reisen mitnehmen darf) – ist er federführend bei der Entstehung des Vereins Schaufenster Neubaugasse, in dem sich die Händler der Einkaufsstraße zusammenschließen, um gemeinsam mehr zu bewegen. „Die Kraft der Gemeinschaft“, sagt Herr Peter nachdrücklich, „kann vieles erreichen, was man alleine, in der Form, nicht schaffen würde“, und die Wirtschaftskammer unterstützt die Unternehmer dabei. Für Karlheinz Peter ist die Neubaugasse eine „gesunde Geschäftsstraße“ – das spürt man nicht zuletzt dann, wenn ein Unternehmen seine Pforten schließt und bereits zahlreiche neue Interessenten in den Startlöchern stehen, um den beliebten Standort zu übernehmen. Statt großen Unternehmensketten, die sich auf der Mariahilfer Straße fädeln, gibt es hier besonders viele kleine Betriebe, die sich über Jahrzehnte hindurch halten „Hier hält man zusammen“, kauft gemeinsam eine Weihnachtsbeleuchtung* für die beliebte Einkaufsstraße, ist miteinander bekannt.

Wer in den Genuss von Karlheinz Peters Erzählungen kommt wird feststellen, dass „am Neubau“ mehr ist als eine Gegend. Es ist eine innere Haltung, von der ich noch niemanden liebevoller philosophieren gehört habe!

Vorbeischauen klappt am besten:
Mo-Fr von 10-13 und 14-18 Uhr
Sa 10-13 Uhr (ausgenommen Juni-September)

Karl Peter‘s Söhne, Neubaugasse 11-13, 1070 Wien

*Wissenswertes über den 7. Bezirk: Die leuchtenden Herrenhutter Sterne in der Neubaugasse wurden 2010 in einem Voting der Tageszeitung Österreich zu Wiens schönster Weihnachtsbeleuchtung gekürt.

Hier noch eine Empfehlung von uns zum Thema „Geschäfte mit Geschichte in Wien“ – hier findet ihr eine tolle Fotosammlung aus ganz Wien https://wienergeschaeftemitgeschichte.wordpress.com/

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... legt Wert auf treffende, bedeutungsschwere Worte. Hat dafür sogar eine Waagschale. Liebt das Kreative und Ungewöhnliche. Erzählt den im7ten-LeserInnen am liebsten UnternehmerInnengeschichten, die man beim Einkaufen im Grätzl sonst nicht so schnell erfährt.

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