Posted On 8. April 2015 By In Anno dazumal, Geheimtipp, Übers Grätzel With 2693 Views

Frankfurter oder doch Wiener

 – Wie Hans im Glück aus einer Not eine Tugend machte

Dies ist die Geschichte von Johann Georg Lahner, geb. 15.10.1774 in Gasseldorf (Fränkische Schweiz), gest. 23. April 1845 in Wien, einem umtriebigen fränkischen Bauernbuben, der von daheim auszog, um der elterlichen Mittellosigkeit und der Aussichtslosigkeit der kleinbäuerlichen Umgebung zu entrinnen, und seinem Schicksal ein wahrlich meisterhaftes Schnippchen schlug.

Nach seiner Lehre als Fleischer in Frankfurt am Main ging Lahner schon bald auf Wanderschaft und kam als Ruderknecht auf der Donau – also ganz und gar nicht auf der sprichwörtlichen Nudelsuppe daher geschwommen – nach Wien.

Der, der Überlieferung nach gut aussehende, und offenbar auch vertrauenserweckende Geselle erhielt hier dann 1804 von einer vermögenden Dame der Wiener Gesellschaft ein Darlehen von 300 Gulden als Starthilfe für die von ihm angestrebte Selbstständigkeit.

Firmengründung in Wien NeubauGedenktafel Frankfurter

Damit gründete der zielstrebige Fleischermeister umgehend seine eigene Fleischselcherei in der Vorstadt Altlerchenfeld. Einer Zeitungsmeldung vom 15. Mai 1805 zufolge waren in Lahner’s Schaufenster Am Schottenfeld Nr. 274 (heute Neustiftgasse 112) dann schon bald ‚Merkwürdige Gebilde‘ zu sehen.

In Hommage an seine Lehrzeit nannte Lahner diese geschichtsträchtige Spezerei fortan “Frankfurter” – denn auch in der Mainmetropole gab es die Würstchen schon, jedoch ausschließlich aus grobem Schweinefleischbrät hergestellt.

Welch ein Glück also, dass Lahner sie in Wien herstellte: hier gab es diese strikte Trennung von Rind- und Schweinefleisch, die der eifrige Fleischermeister in Frankfurt gelernt hatte, in der Verarbeitung nicht.

Und seine Frankfurter konnten hierzulande auch dank der stärkeren Zerkleinerung der Zutaten wesentlich feiner hergestellt werden. Lahner war experimentierfreudig und mischte so die ideale Füllmasse aus beiderlei Fleischsorten für seinen mild geräucherten Saitling.

Stadtgespräch

Lahner’s Würstel wurden schon bald zum Stadtgespräch und traten ihren Siegeszug quer durch alle Bevölkerungsschichten an, recht bald waren sie sogar am Wiener Hofer gefragt und heiß begehrt.

Auch Adalbert Stifter war ein großer Liebhaber und ließ sich die Frankfurter sogar via Postkutsche ins 180km entfernte Linz liefern – zwecks der Haltbarkeit leider ausschließlich im Winter.

Aufgrund der großen Nachfrage und Expansion übersiedelte das Unternehmen 1832 in die Liegenschaft Am Schottenfeld 54.

Lahner’s Ehe mit der Österreicherin Anna Resler entstammten vier Söhne, 1842 erhielt der gebürtige Franke das Wiener Bürgerrecht. Kurz nach Übergabe des Betriebs an seinen Sohn Franz starb Johann Georg Lahner im Jahr 1845. Sein Grab am Wiener Zentralfriedhof wurde 1975 eingeebnet.

Die Gedenktafel

Eine Gedenktafel Ecke Kaiserstraße/Neustiftgasse erinnert noch heute an den genialen Wiener Fleischermeister deutscher Herkunft, der von daheim auszog, um aller Herren Länder auf den guten Geschmack zu bringen.

Leider ist die Originalrezeptur der traditionsreichen Frankfurter Würsteln aus der Lahner’schen Manufaktur nicht überliefert, lediglich eine Festschrift zum 125jährigen Firmenjubiläum gibt anhand der Tätigkeitsabfolge Aufschluss über die Herstellung.

Und auch der Familienbetrieb war trotz der rasanten, großartigen Furore dem Untergang geweiht – 1967 musste der Wiener Traditionsbetrieb mangels Nachkommen seinen Betrieb einstellen. Sehr wahrscheinlich hat aber auch die Massenproduktion der Mitbewerber in den vielen neuen Fleischwarenfabriken dieser beispielhaften Erfolgsgeschichte den Garaus gemacht.

Fazit: Ob also nun als glorreiches Paar genossen oder doch einzeln mit anderen wohlwollend geteilt, mit einer reschen Semmel oder doch im Teigmantel, wie sie heutzutage in Wien immer noch umhüllt werden und der Renner auf jedem Kindergeburtstagsfest sind, mit Senf oder Ketchup oder doch Mayonnaise – unsere guten alten Frankfurter Würsteln (oder Wiener Würstchen, wie sie außerhalb von Österreich genannt werden) sind und bleiben in unser aller Munde ­:)

 

Von Wien ausgehend traten die Frankfurter dann ihren variantenreichen Siegeszug um die ganze Welt an:

1842 Produktionsstart in Mailand

1861 Produktionsstart in Amsterdam

1865 Erzeugung in Linz – Stifter’s offenbar florierender Würsteltransport wurde nun obsolet

1855 Präsentation und Verkauf auf der Pariser Weltausstellung

1893 Weltausstellung in Chicago

1905 Erstmalige Herstellung der “Würstel im Schlafrock” – einer Butterteighülle mit knackiger Fülle – von Leopold Lahner, einem Urenkel des Firmengründers

Fotocredits + Text: Cornelia Feiertag

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