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Posted On 2. Oktober 2019 By In Allgemein, Anno dazumal, Geheimtipp, Shops With 371 Views

Echte Helden kommen aus dem 7ten

Halloween, Krampus, Nikolo, Fasching, Mottopartys Superheldengeburtstag. Feiern, Party und sich Kostümieren ist schon lange nicht mehr auf eine Saison beschränkt. Wie sich das Verkleiden in den letzten 70 Jahren verändert hat, verrät Andreas Greif, der den Kostümshop Miranda-World samt faszinierender Werkstatt in 3. Generation führt.

Ich weiß, dass ich ein Kostümfachgeschäft betrete, als ich bei Andreas Greif hereinschneie. Der Verkleidungsshop Miranda-World hat am Lerchenfelder Gürtel 32 im 7. Bezirk sein Zuhause.
Es ist aber nicht das, was man sich unter einer klassischen Neubauer Adresse vorstellt. Die Autos zischen am Gürtel an mir vorbei, als ich von der U6-Station Thaliastraße in Richtung Shop gehe. Die Ränder des Siebenten besucht man selten. Zu selten! Denn dort gibt es etwas zu entdecken, von dessen Existenz ich nicht zu träumen gewagt hatte. Hier, genau an dieser Adresse, sind die schönsten Momente meiner Kindheit entstanden. Und wahrscheinlich auch die vieler im7ten-LeserInnen. Das Spannende aber: Die wenigsten von uns waren als Kinder hier.

Der Verkleidungsspezialist | Wie alles begann

Indianer Kostüm kaufen in Wien

Indianerkostüm und Cape aus eigener Fertigung

Im Jahr 1948 gründet Miranda Weissenfeld mitten in Wien eine Erzeugung von Indianer- und Cowboyartikeln, Springschnüren, Windrändern und hochwertigen Federmasken. Zehn Jahre später steigen Miranda Weissenfelds Tochter und Schwiegersohn in die Kostümproduktion ein und der Betrieb übersiedelt an seinen heutigen Standort, wo Miranda Weissenfeld eine Lampionerzeugung übernimmt, die sie bis in die frühen Siebziger Jahre aufrecht erhält.

Fasching wird in Österreich gefeiert, aber noch wickelt man sich anlässlich der fünften Jahreszeit eher in Krepppapier und Papas abgetragenes Hemd, um wie ein Clown auszusehen, als dass man zum Fasching in ein Kostüm investiert. Vielmehr ist es das Verkleidungszubehör und das alltägliche Spiel, das das Unternehmen mit seinen Artikeln bedient. Es ist die einzige Produktion von Kostümen in Österreich! Gefertigt werden Spielzeugtrommeln und Verkleidungen, die über den Spielzeugfachhandel vertrieben werden.

Die goldenen Jahre

Im Jahr 1972 übernimmt die Tochter, Gabriele Greif, den Betrieb und erweitert ihn um den Großhandel mit Faschingsartikeln. Einundzwanzig Faschingsdienstage später erfolgt die bislang letzte Übergabe des Unternehmens an Andreas Greif, den Enkel der Firmengründerin, der den Traditionsbetrieb heute führt. Mit jugendlichem Elan steigert er den Export der in Wien produzierten Produkte ins Ausland und versorgt den österreichischen Spielzeughandel mit den Verkleidungsartikeln, die jedes gut sortierte Kinderzimmer der 80er und 90er Jahre hat: Pfeil und Bogen, Friedenspfeife, Sheriffstern, Schaffnerkappe und Fahrscheinentwertungszange.

Fasching ist nur ein Bruchteil dessen, was das Unternehmen kann. Es sind vor allem die klassischen Rollen, in die Kinder im Spiel schlüpfen: Cowboy, Ritter, Pirat, Schaffner. Die Rollen der Großen, die sie als Helden aus Film, Fernsehen oder dem echten Leben kennen. Spielt es rund um Weihnachten Zorro oder die Musketiere im Fernsehen, überträgt sich das ins Faschingsgeschäft – so einfach ist die Rechnung.
1998 schaltet Andreas Greif sogar noch einen Gang höher und eröffnet den Detailverkauf für Party- und Karnevalartikel K + K (Kostüme + Klamauk) Domgasse an prominenter Adresse in der Innenstadt – genau gegenüber von Mozarts Wiener Wohnung im Camesinahaus. Das Mozartkostüm ist auch eines der Kostüme, das in eigener Produktion gefertigt und zum Verkaufsschlager wird.

Schleichender Wandel

Das Geschäft läuft. Aber mehrere Veränderungen beeinflussen das Business rund ums Verkleiden: Die Tradition des Faschingfeierns verblasst in der Großstadt, die Zahl der Heldenfiguren ist mit der Verfügbarkeit vieler TV-Sendungen exponentiell angewachsen – die Interessen damit auch diverser – und der Onlinehandel beginnt zu boomen. Während die Artikel, die in Eigenproduktion gefertigt werden, außer Konkurrenz stehen, ist jede zugekaufte Verkleidung bzw. jedes Accessoire auch im Internet verfügbar. „Wir haben vor vielen Jahren gesagt: Entweder Diskonter oder Spezialist. Da muss man sich irgendwann entscheiden, dazwischen wird es schwierig. Wir standen lange Zeit als Spezialist sehr gut da, aber heute ist das Internet auch der Spezialist. Wir sind gut sortiert, wir haben Perücke X in acht Farben, aber ich habe sie eben nicht in der neunten, die der Kunde dann vielleicht haben möchte. Und im Internet wird es die geben. Oder ich habe 12 Stück da, der Kunde braucht aber 15 Stück für eine Party“, erklärt Andreas Greif die diffizile Lagerhaltung des Einzelhandels.

Die Nische des Spezialisten

Trotzdem gibt es sie: Die Menschen, die lieber im Geschäft kaufen, die das Kostüm vor der Kaufentscheidung ansehen und angreifen möchten, die die Perücke probieren und den Hut nach der Kopfform aussuchen möchten. Und an genau die wendet sich das Angebot von Miranda-World: Andreas Greif und sein Team verkaufen nicht bloß Verkleidungen, sie inszenieren das Erlebnis, das der/die KundIn mit dem Kostüm haben wird – die Vorfreude, die Zusammenstellung, den tollen Auftritt und den Spaß des Festes. Und es gibt hier Dinge, von denen man nicht einmal gewusst hätte, dass man sie suchen kann: Falsche Wimpern mit Pfauenfedermuster, aufklebbare Narben, die von Sicherheitsnadeln zusammengehalten werden, Donald-Trump-Perücken – das Sortiment inspiriert.

 

Neue Wege

Andreas Greif geht den KundInnen aus den ferneren Städten und ländlicheren Gebieten mit einem eigenen Onlineshop auf partyshop.at einen Schritt entgegen, macht die Welt zum Dorf und begeistert neue Käuferschichten, die das Besondere suchen oder sich bewusst gegen manch andere Onlineverkaufsplattform entscheiden.

Während die Tradition des Faschingfeierns an den Rand gedrängt wird, nehmen Mottopartys zu und Halloween erobert sich als gruseliger Verkleidungshöhepunkt des Jahres einen Fixtermin im Kalender. „Fasching ist in der Großstadt eher abklingend. Man hat das Gefühl, es ist den Menschen körperlich unangenehm. Früher hat man noch Auslagen dekoriert gesehen, das ist heute kaum noch so. Vielleicht betrachten es die Leute als albern oder es ist keine Tradition mehr da, aber gerade Menschen, die sich in dieser Zeit nicht verkleiden würden, gehen dann trotzdem zu einer Mottoparty. Das ganze Jahr über. Da erscheint das Verkleiden nicht absurd.“

Kostüm kaufen in Wien – der Geheimtipp

Als ich den Verkleidungsshop am Lerchenfelder Gürtel betrete, sehe ich vor allem Kostüme: Harry Potter, 20er-Jahre-Accessoires, gruselige Halloween-Masken, Perücken, Hüte. Einige Artikel aus dem Sortiment erkenne ich wieder – das habe ich in dieser Zusammenstellung schon mal gesehen. „Klar!“, fällt es mir ein, „K + K Domgasse im 1. Bezirk – mein Go-to für Mottoparties – gehört hier dazu!“ Es ist spannend, dass ein Unternehmen, das ohne großes Branding auskommt, trotzdem einen derartigen Wiedererkennungswert hat. Die Welt ist gerade kleiner und vertrauter geworden.

Schaffnerkappe aus den 80er Jahren Österreich, Spielzeug

Hinter den beiden Verkaufsräumen geht es in gerader Linie weiter zu einer kleinen Werkstatt, in der eine Näherin in gleichmäßigem Tempo die Maschine bedient und aus einem Stapel zugeschnittener Teile eine Schaffnermütze fertigt. Von Hand. Etwa drei Stunden wird sie dafür brauchen. Trotzdem kostet die Mütze am Ende nur knapp 20 Euro. Und ich finde all das schon spannend genug, um mich eine dreiviertel Stunde darüber zu unterhalten. Doch dann bietet Andreas Greif mir an, noch einen Blick ins Lager und die Werkstatt zu werfen.
Es gibt noch mehr?! Es gibt noch mehr! Durch eine weiße Flügeltür gelangen wir in einen Werkstattbereich, der mindestens ebenso groß ist, wie der für KundInnen sichtbare Verkaufsbereich.

 

Das Kinderzimmer der 80er

Ich taumle zwischen sprachloser Gerührtheit und begeistertem Plappern.
Fein säuberlich von Hand beschriftete Schachteln stehen dicht an dicht in den Regalen: Federn, Friedenspfeifen, Totemketten, Büffeltaschen, Medizinbeutel, Tomahawk, Köcher, Augenbinde, Ohrgehänge, Schaffnerkelle, Trillerpfeife – das Spielzeug meiner Kindheit … als wir noch Piraten, Cowboys und Indianer waren. Martialische Rollenspiele – zweifellos – unsere Helden waren Winnetou und Old Shatterhand [Ol-Tschettahänd um genau zu sein], wir trieben unsichtbare Rinderherden mit unseren Fantasiepferden über die Wiese, stibitzen die Gürtel der Bademäntel unserer Eltern, um unsere Gegner an den Marillenbaummaterpfahl zu binden und standen mit selbstgeschnitzten Stecken zum Würstelgrillen ums Lagerfeuer. Mit dabei: Der rote Bogen mit dem blauen Griffstück, der Köcher mit Pfeilen, die Friedenspfeife und der Medizinbeutel. Spielsachen, die der täglichen Nutzung irgendwann nachgaben, aber trotzdem nicht weggeworfen werden durften. In die Jahre gekommen lagen sie lange am Dachboden meiner Eltern. Und jetzt liegen sie hier vor mir auf dem Werktisch der Werkstatt, in der sie damals wie heute entstehen – perfekt und neu. Und natürlich total retro! Wie das sein kann? Miranda Weissenfeld und ihre Nachfolger belieferten den österreichischen Spielzeughandel, wo man Qualität aus österreichischer Produktion kaufte, war Weissenfeld drinnen. Es ist der ultimative Nostalgietraum: Noch einmal als Erwachsener inmitten der eigenen Spielsachen stehen – alles unbespielt, makellos und auf eine neue Generation von PolizistInnen und WikingerInnen wartend.

Pfeil und Bogen aus Holz kaufen in Wien

Schaffnerzange wie früher kaufen, Retrospielzeug

Spielen wie Pippi, Ronja, Michel & Ida und die Kinder aus Bullerbü

Auch heute werden hier noch Schaffnermützen und Fahrkartenentwertungszangen gefertigt. Andreas Greif wägt geschäftliche Entscheidungen bedacht ab: Die Nachfrage nach Schwertern, die er zugunsten der Beständigkeit am liebsten gänzlich aus Holz fertigen würde, bedient er mit einer preiswerteren – damit im Verkauf erschwinglichen – und weit kindersichereren Variante, die gleichzeitig wertig aussieht und gut in der Hand liegt: Er kombiniert Schaumgummi-„Klinge“ mit Holzgriffen und vergibt den Auftrag für den Zusammenbau der Komponenten an eine Werkstatt für Menschen mit Behinderung.

 

Wer eines der Schwerter aus Holz und Schaumgummi kauft, ersteht damit eine Spielzeugidee, an die man auch im Astrid-Lindgren-Dorf, der Astrid Lindgren Värld, in Schweden glaubt, das die Spielzeugmesser und -schwerter seit mehreren Jahren bei Andreas Greif bestellt und an die Fans von Pippi Langstrumpf, Ronja Räuberstochter, Lausejunge Michel aus Lönneberga und den Kinder aus Bullerbü verkauft.

„Das Schöne am Spielzeug ist, dass es eine Universalsprache spricht“, bemerkt der Unternehmer.

Langsam macht er sich Gedanken über die geschäftliche Zukunft, denn noch steht keinE NachfolgerIn in den Startlöchern, um das Traditionsunternehmen weiterzutragen: „Der Jüngste bin ich auch nicht mehr“, schmunzelt er und fügt in Sachen NachfolgerInnensuche hinzu, „mit neuem Schwung wäre noch Platz für Veränderung.“

 

MIRANDA-WORLD
Lerchenfelder Gürtel 32, 1070 Wien
geöffnet: Montag – Freitag: 8 – 18 Uhr
rund um die Uhr: www.partyshop.at

Auf der Suche nach dem perfekten Faschingskostüm? In der Niederlassung K + K Domgasse, Domgasse 2, 1010 Wien, werden Sie Montag – Freitag: 10 – 18 Uhr und samstags: 10 – 17 Uhr fündig.
Das geheimnisvolle Lager an Retrospielzeug aus österreichischer Produktion gibt es aber nur im 7. Bezirk. In diesem Sinne: Think global support local!

Gut zu wissen: Faschingstradition

Die Faschingszeit beginnt bei uns am 11.11. um 11 Uhr 11 und dauert bis zum Faschingsdienstag auf den der Aschermittwoch und damit die 40-tägige Fastenzeit bis Ostern folgt. Was in Österreich der Faschingsdienstag ist, ist im Französischen Mardi Gras. In Deutschland wird er auch Fastnacht oder Fasnacht genannt, kurzum wir reden vom Karneval, der auch in Venedig oder Rio mit fulminanten Umzügen gefeiert wird.

Übrigens: Wer sich am Faschingsdienstag – 2020 ist das der 25. Februar – im Grätzl Westbahnstraße/Kaiserstraße herumtreibt, hat gute Chancen, einen im7ten-Faschingskrapfen von den Kaufleuten der Westbahnstraße und der Kaiserstraße geschenkt zu bekommen.

 

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... legt Wert auf treffende, bedeutungsschwere Worte. Hat dafür sogar eine Waagschale. Liebt das Kreative und Ungewöhnliche. Erzählt den im7ten-LeserInnen am liebsten UnternehmerInnengeschichten, die man beim Einkaufen im Grätzl sonst nicht so schnell erfährt.

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