Posted On 3. April 2015 By In Anno dazumal, Übers Grätzel With 3211 Views

Die Photomeile

Weshalb reihen sich gerade hier um die Westbahnstraße so viele Galerien, Fotoapparat- sowie Zubehörgeschäfte aneinander?

Hat es damit zu tun, dass einst die Graphische Lehranstalt hier ihren Ursprung fand? Sind es die AbsolventInnen, welche sich hier sesshaft machten?

Nicht ganz. Denn alles begann viel früher und mit einem Namen: Orator.

Im Jahre 1846, noch lange vor dem ersten Weltkrieg, eröffnete die Firma Orator in der Westbahnstraße 23 ihr Geschäft. Zuerst einen Drogeriemarkt, welcher sich jedoch bereits in der zweiten Generation zu einem Photokamerageschäft umwandeln sollte.

Der Boden hier war fruchtbar und mit der Eröffnung der Graphischen Lehranstalt 1888 wuchs der Zustrom an InteressentenInnen noch weiter.

Die Photomeile während der beiden Weltkriege

Auch die Weltkriege konnten dem Betrieb nichts anhaben und aufgrund der Nachfrage alte, gebrauchte Apparate verkaufen zu wollen, eröffnete Kurt Orator eine Secondhand-Börse, welche all jenen die Möglichkeit bot, entweder an Geld zu kommen, oder gewisse Modelle günstiger zu erwerben.

Kurt Orator wollte seiner Kundschaft nur das Beste bieten; und dazu gehörten für ihn ausnahmslos auch die erfahrensten Berater – damals waren das vornämlich Männer. Seine Mitarbeiter bekamen bald einen ebensolchen Legendenstatus wie die Firma selbst, sodass einige Kunden, ihre bevorzugten Berater hatten und nur wegen diesen in das Geschäft kamen.
Nach einiger Zeit regte sich innerhalb der Mitarbeiter der verstärkte Wunsch nach Selbstständigkeit. Demnach zogen einige von ihnen weiter und ließen sich nicht weit von ihrer ehemaligen Arbeitsstätte nieder.

So gründete ein ehemaliger Mitarbeiter von Orators Secondhand-Börse, welche in der Schottenfeldgasse ansässig war, das Fotolabor Cyberlab. Vorrangig war das Labor nur für den Eigenbedarf bestimmt, doch nach und nach kamen unzählige Aufträge, sodass der Eigenbedarf längst nicht mehr das einzige Standbein bleiben sollte.

Dort, wo die Photographie beheimatet ist, ist der Film nicht weit.

Die Neubaugasse wurde als Filmviertel in der ganzen Welt bekannt und lange Zeit befand sich in der Kaiserstraße eine Produktionsstätte des Constantin Films. An diesem Ort begann auch die Geschichte des bekannten Leica Shops.
Später zog Peter Coeln, Gründer des Leica Shops Wiens, ums Eck der Kaiserstraße und fand in den ehemaligen Fabrikhallen der Westbahnstraße 40 einen schönen Raum um seine Idee, einen gemeinnützigen Verein zur Förderung der Fotographie, umzusetzen. Das WestLicht entstand.

Die Gegend rund um die Westbahnstraße war für Galerien und Fotozubehörgeschäfte so attraktiv, dass sich mit der Zeit immer mehr Kleinbetriebe ansiedelten; ob es nun ehemalige Mitarbeiter der Firma Orator, oder solche, die wegen des guten Standortes angezogen wurden, waren.united camera

Nach fast 160 Jahren sollte auf einmal alles Geschichte werden. Die Firma musste ihren Konkurs anmelden und die Zukunft schien düster. Doch auch hier sollte ein einstiger Mitarbeiter die rettende Hand des Betriebs werden. Gerhard Heyduck führt nun seit 2007 gemeinsam mit einem Tiroler Geschäftspartner das nun in United Cameras umbenannte Geschäft. Doch die Seele blieb erhalten und der Laden läuft; trotz aller negativen Stimmen, die vor nun bald 20 Jahren dem Geschäft keine Zukunft zugetraut hatten.

Fazit: Die Graphische zog 1967 weiter, doch die Photographie ist der Westbahnstraße geblieben und wird ihr wohl noch lange erhalten bleiben.

Autorin: Miriam Tsekas

fotomeile

Ein weiterer Bericht über die Fotomeile Westbahnstraße http://www.stadtbekannt.at/fotomeile-westbahnstrasse/

Das Beitragsfoto stammt aus dem Buch “Geschichten der Fotografie in Österreich”, Herausgeberin Monika Faber für die Fotosammlung der Albertina Wien

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miriam.tsekas@gmx.net'

Die Germanistikstudentin liebt die Natur sowie die Kultur gleichermaßen. Ihr Bestreben, in der Kultur schöpferisch Fuß zu fassen und für eine breite Allgemeinheit tätig zu werden, hat sie in der Recherche am Volkstheater bereits verwirklicht. Was die Natur anbelangt, geht ihr aber weiterhin nichts über einen regennassen Sommertag oder schneebedeckte Berge. Derart minimalistisch und existenziell kann das Schreiben also sein und wer sich davon selbst ein besseres Bild machen möchte, liest am besten gleich auf www.im7ten.com nach ☺

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