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Posted On 20. Juli 2018 By In Shops With 367 Views

modus vivendi | Modeliebhaberei in der Westbahnstraße

modus vivendi – eine neue Lebensweise bereichert das Grätzl um die Westbahnstraße 7. im7ten hat die drei Designerinnen hinter dem Modelabel getroffen, um über modus vivendi und konträre Trends im Modekonsum zu sprechen.

modus vivendi steht für alltagsnahe, urbane Mode, die den individuellen Stil unterstreicht. Die Kleidungsstücke sprechen dabei fließend die Sprache des Handwerks: zur Gänze handgemacht, vom Schnittentwurf bis zum letzten Stich vollständig in Wien gefertigt und stets darauf fokussiert, der Trägerin bzw. dem Träger einen Mehrwert zu bieten. Für die Fertigung nutzen die drei Modeschöpferinnen – Monika Bacher, Charlotte Jakoubek und Vera Sperl – neben dem eigenen Atelier und den persönlichen Ressourcen auch kleine Strukturen und arbeiten mit unabhängigen Lohnwerkstätten und einer Heimstrickerin zusammen. Die Mode ist keineswegs abgehoben, obwohl der Schöpfungsprozess den einen oder anderen Kunstgriff beinhaltet.
Besonders viel Aufmerksamkeit schenken die Modemacherinnen der Materialauswahl und zapfen für die verschiedenen Stoffe unterschiedliche Quellen an – die Wolle kommt aus Italien, der japanische Jeansstoff wird über einen italienischen Stoffhändler bezogen, andere Stoffe kommen aus Deutschland – das Hauptaugenmerk wird auf die Verwendung von Naturmaterialien gelegt. Sie wissen genau, wo es Vintage-Stoffe zu erstehen gibt, nutzen Händlerkontakte für Stoffe, die in ausgefallenen Verfahren bedruckt werden und tragen die Schätze unter anderem auch aus Verlassenschaften zusammen, um daraus etwas Einmaliges zu kreieren.

modus vivendi Vera Sperl, Charlotte Jakoubek, Monika Bacher

Vera Sperl, Charlotte Jakoubek und Monika Bacher

Ein Modelabel wird schnittige 30

So haben sich Monika Bacher und Charlotte Jakoubek ihre Nische in den letzten dreißig Jahren eingerichtet. Zu Beginn – im Dezember 1988 und den Folgejahren – operierte man noch unter dem Namen Modewerkstatt, die Benennung von modus vivendi erfolgte Anfang der 1990er-Jahre. Wenige Jahre später stieß Vera Sperl zum Team, das sich immer wieder neue formierte, bevor man sich so aufstellte, wie man modus vivendi heute kennt.

Die Trennung vom früheren Standort in der Schadekgasse erfolgte unfreiwillig, wie hinlänglich bekannt ist, der neue Standort in der Westbahnstraße 7 bringt viel Neues mit sich. Völlig neu erfinden, wird man sich aber nicht.

Neuanfang mit gewohntem Fadenlauf

„Wir haben uns bewusst dafür entschieden, Einzelstücke in einer Art Feinkostladenqualität zu machen.“ Nicht jedes Stück gibt es in allen Größen oder aus ein und demselben Stoff. Vielmehr setzt sich die gesamte Kollektion aus einzelnen Stücken zusammen, die die Designerinnen Monika Bacher, Charlotte Jakoubek und Vera Sperl über die Jahre für gut befunden und die sich auch bei den KundInnen bewährt haben. Neu hinzu kommen Stücke, die den aktuellen Goût der Modeschöpferinnen widerspiegeln. Brandaktuell sind per Hand stückgefärbte Kleider aus Baumwolle und Seide.

Die Kollektion „Montour“ teilt sich in verschiedene Bereiche: das evergreene Allroundmaterial Denim wird in der gleichnamigen Linie zu Hosen, Röcken oder Blazern in klassischer Schneiderqualität verarbeitet. Bei „Daily“ stehen klare Schnitte und hoher Tragekomfort im Vordergrund, um die Modelle – wie der Name schon sagt – tagtäglich unkompliziert kombinieren zu können. „Delight“ setzt elegante Akzente und genießt dank wertiger Materialien und schlichter Schnittführung die charmante Understatementrolle. Der Bereich „Knit“ ist untrennbar mit dem Label modus vivendi verkettet: „Wir verwenden 100 % Merinowolle aus England und Italien. Ihren besonders feinen Fasern schreibt man einzigartigen Tragekomfort zu, auch direkt auf der Haut kratzen sie nicht. Sie sind antibakteriell, atmungsaktiv und schmutzabweisend, häufiges Waschen entfällt“, verraten die Macherinnen.
Eine eigene Linie für den Mann transponiert die Visionen aus „Denim“, „Daily“ und „Knit“ in eine tiefere Tonart und bietet damit auch dem modebewussten Herren die Möglichkeit, sich aus dem Raster von genormten Kleidervorschriften zu befreien und selbigen durch einen eigenen Stil zu hinterfragen. Muss ein Hemd einen Kragen haben? Darf ein eleganter Anzug aufgesetzte Taschen haben? Das Label modus vivendi stellt diese Fragen mit seinen Kleidungsstücken mitten in den urbanen Raum und lockert mit Details wie Schalkragen und 7/8-Ärmeln die strenge Trennung zwischen Damen- und Herrenmode auf.

Modelabel modus vivendi Wien

Bedarf, Bedürfnis und Verlockung

Doch nicht nur damit setzt sich modus vivendi dem üblichen Modebusiness konsequent entgegen. Das Wiener Label erfindet sich nicht jede Saison neu, setzt auf zeitlose Schnitte und Materialien und ist ein klarer Gegenentwurf zur „fast fashion“ – lieber ein wertiges Stück im Kasten, als fünf Teile, die das Modejahr in Qualität und Design nicht überleben.

Über diesen Gedanken gelangen wir zu einem spannenden Gespräch über die Veränderungen in der Modelandschaft in den vergangenen dreißig Jahren. Die Baby-Boomer, die Generation X und auch die frühen Millennials haben erlebt, welche Besonderheit es war, Kleidung in einer Boutique zu kaufen. Konnte oder wollte man sich teure Mode nicht leisten, bat man den nahegelegenen Schneider, um eine billigere Umsetzung – heute undenkbar. Durch den Einzug günstiger, billiger und billigster Modeketten in Österreich, sind viele Kleidungsstücke extrem viel billiger geworden.

„Es wurden Bedürfnisse geschürt, die so gar nicht da waren. Damals gab es eine Toleranz und ein Verständnis dafür, dass Dinge etwas kosten. Wenn man zugeschaut hat, wie ein Zipp ausgetauscht wird, hat man gesehen, dass das Arbeit ist. [Kleidung] wurde immer billiger und billiger und irgendwann sieht man nicht mehr ein, dass man mehr zahlen soll. Es ist eine Verlockung und ein Bedürfnis entstanden, das so ursprünglich nicht da war“, gibt Vera Sperl zu bedenken.

„Wenn man jemandem sagt: ‚Das ist eine total süße Bluse‘, dann hört man gleich den Preis, wo sie gekauft wurde, ob sie im Sale war oder sonst was … Die Informationen kommen wie aus der Pistole geschossen. Vielleicht noch eine Entschuldigung: ‚Hab ich gebraucht‘ … Das Thema Mode ist sehr moralisch geworden“, skizziert Monika Bacher die gängige Einstellung zum Kleiderkauf. Dem Konsumenten, der gerne damit prahlt, wie billig ein Kleidungsstück war, steht ein Konsument gegenüber, der sich in Zurückhaltung übt, wenn er sich etwas um eine vermeintlich verwegene Menge Geld gekauft hat.

Die goldene Mitte

Den Trend, sich dem Modekonsum für eine gewisse Zeit gänzlich zu entziehen, sehen die drei Modemacherinnen jedoch kritisch. Das Verteufeln der Mode erinnere eher daran, sich die Lust an der Materie wegzutrainieren. Viel mehr wünschen sie sich eine bewusste, kritische Auseinandersetzung mit dem Thema Konsum in allen Lebensbereichen. Qualität und die Menschen, samt ihrer Werte, die hinter einem Produkt stehen, sollten größeres Gewicht in Kaufentscheidungen spielen.

Fest verstrickt

Zusätzlich zur eigenen Kollektion präsentiert modus vivendi in regelmäßigen Abständen auch Auszüge aus Kollektionen befreundeter Wiener DesignerInnen oder Marken: Bademode von Margaret and Hermione, Kleidsames von rosa mosa oder Schmuck von Alexandra Muehlbek. Die „Gäste“ werden für ein bis zwei Wochen hervorgehoben, indem das halbe Geschäftslokal für die Präsentation der jeweiligen Marke freigemacht wird. Bei einem Fest zur Eröffnung des Features sind die DesignerInnen persönlich anwesend und neue Vernetzungen zwischen Marken und KundInnen entstehen.

KundInnen, die aufgrund von Empfehlungen kommen, stellen derzeit gemeinsam mit der Stammkundschaft auch den größten Teil der modus vivendi Kundschaft, wobei die Laufkundschaft – insbesondere durch Touristen – seit dem Umzug in die Westbahnstraße merkbar zugenommen hat. Begeistert erzählen Monika Bacher, Charlotte Jakoubek und Vera Sperl von der lebendigen Nachbarschaft in ihrem neuen Grätzl – die Modeläden ergänzen einander, was der eine nicht hat, kann er guten Gewissens vom Nachbarn empfehlen und umgekehrt. Und was die Zukunft betrifft, lassen sich die drei Modemacherinnen fürs Erste einfach treiben und liefern den KundInnen das, was sie an modus vivendi schätzen: „Handwerk, das erlebt werden darf, in jeder Faser, mit allen Sinnen: Mode.Lieb.Haberei.“

 

modus vivendi Westbahnstraße 7modus vivendi
Westbahnstraße 7, 1070 Wien
Öffnungszeiten:
Dienstag – Freitag: 12 – 19 Uhr
Samstag: 12 – 17 Uhr
www.modusvivendi.at

 

© Fotos: Veronika Fischer

 

 

Lust auf Mode aus der Westbahnstraße?
Dann könnte Sie auch unser Beitrag über das Modelabel wiener konfektion von Maria Fürnkranz-Fielhauer interessieren. Übrigens: Sollte der modus vivendi Shop gerade geschlossen haben, wenn Sie in der Westbahnstraße sind, schauen Sie doch in der Westbahnstraße VIER vorbei, wo Gertraud Buxhofer und Christian Romauch auch ausgewählte Stücke von modus vivendi führen.

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... legt Wert auf treffende, bedeutungsschwere Worte. Hat dafür sogar eine Waagschale. Liebt das Kreative und Ungewöhnliche. Erzählt den im7ten-LeserInnen am liebsten UnternehmerInnengeschichten, die man beim Einkaufen im Grätzl sonst nicht so schnell erfährt.

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