Innenaufnahme Westbahnstrasse 4 in Wien Neubau

Posted On 5. Juli 2018 By In Interviews, Shops With 139 Views

Fashionista oder Passionista?

Leidenschaft in der Westbahnstrasse 4

Handgemachte Mode, T-Shirts mit Tracking-Code, schnuckelige Häkelfiguren mit sozialem Mehrwert und feines Lederschuhwerk aus Italien. All das und mehr gibt es in der WESTBAHNSTRASSE vier.

In der Westbahnstrasse 4 ist etwas anders. Die rote Markise mit den weißen Punkten ist noch da, so wie wir das die letzten Jahre gewöhnt waren, doch im Inneren des Shops erwartet uns etwas Neues. Mit ganz viel Leidenschaft und der Freude an nachhaltigen Produkten haben Gertraud Buxhofer und Christian Romauch hier eine Geschäftsidee umgesetzt, die mit Konventionen bricht.

Verflochtene Wege

Gertraud Buxhofer und Christian Romauch verbindet eine gemeinsame berufliche Vergangenheit bei GEA. Ihre Passion für Produkte, die mit Respekt vor Material, Form und Arbeit in kleinen Manufakturen hergestellt werden, gaben sie zunächst in unterschiedlicher Weise weiter: Gertraud Buxhofer führt seit 2005 das Geschäft Schuhe für Frauen in der Kirchengasse 28. Christian Romauch machte sich 2016 mit „Christan Romauch – a passion project“ teilweise selbstständig und bot seinen KundInnen Produkte an, die er sorgfältig ausgewählt hatte und, durch die ständige Verbindung mit den Herstellern und Einblick in die Produktionsbedingungen, aus vollster Überzeugung vertrieb. Vergangenes Jahr stand er mit a passion project an einem Scheideweg – die erste Wochenhälfte in einem sicheren Anstellungsverhältnis und drei Tage als Unternehmer in seinem eigenen Shop in der Kettenbrückengasse waren auf Dauer nicht machbar und erforderten eine Entscheidung. Eine glückliche Fügung verflocht die Wege der beiden auf Nachhaltigkeit fokussierten Unternehmer miteinander: Zwei verschiedene Standorte im 7. Bezirk, zwei unterschiedliche Schwerpunkte und zwei Experten ihres Fachs befinden sich aus unternehmerischer Sicht nun unter einem Dach. Unkonventionell dabei ist die Aufgabenteilung, die Gertraud Buxhofer und Christian Romauch vereinbart haben: Im Angestelltenverhältnis ist er weiterhin für das Konzept und die Produktauswahl zuständig, und fungiert als die leidenschaftliche Stimme für a passion project. Eine Tatsache, die beiderseits für viel Respekt, Achtsamkeit und Vertrauen steht.

Foto beigestellt | © Roman Bönsch

Ziehen am selben Strang

Im September 2017 eröffnete der Shop in der Westbahnstraße 4. Die Grundidee von a passion project von Christian Romauch bleibt erhalten: Verkauft werden die Produkte von DesignerInnen, die in kleinen Stückzahlen Großes produzieren. An selber Adresse werden nun zusätzlich zum Shop Schuhe für Frauen in der Kirchengasse 28 hochwertig und durchdacht produzierte Lederschuhe aus Italien verkauft, die perfekt auf das Fashionsortiment von a passion projects abgestimmt sind.

Einige Produkte treffen genau ins Schwarze meiner Erwartungshaltung – so kauft man am Neubau ein und ich sehe den Shop hier gut aufgehoben. Andere Produkte aber gehen noch einen Schritt weiter. Es sind Produkte, die unter die Haut gehen! Da sind zum Beispiel die T-Shirts des Schweizer Labels ZRCL (steht für „circle“), das sich selbst als Streetware-Label ohne Geheimnisse sieht. Jedes T-Shirt ist im Wäschelabel mit einem Traceability-Code versehen, anhand dessen man den vollständigen Produktionskreislauf zurückverfolgen kann. Ich fotografiere mir einen Code und probiere es zu Hause über die Website www.biore.ch aus. Vor mir öffnet sich eine Weltkarte mit einer Punkt-zu-Punkt-Verbindung vom Bio-Baumwoll-Bauern, Mr. Seni, Jahrgang 1977, in Tansania, zur Spinnerei von Salih Zeki Dincbal, Jahrgang 1954, in der Türkei, weiter zur litauischen Produzentin Jolanta Matulienė, Jahrgang 1969, und hin zu ZRCL in der Schweiz. Die auf dem Transportweg entstandenen CO2-Emissionen werden durch den Bau von Biogasanlagen und effizienten Kochanlagen in den Baumwollanbauländern kompensiert.

Generell ist die Zusammenstellung des Produktportfolios von WESTBAHNSTRASSE vier auf kurze Transportwege ausgelegt – nachhaltige oder bewusstseinsbildende Projekte aus ferneren Ländern runden das Konzept ab. Die Rechnung muss unterm Strich stimmen. Deshalb lachen auch die von Hand gehäkelten Plüschfreunde von den Regalen, die in Südafrika hergestellt werden und dort ein Team von etwa dreißig Frauen beschäftigen. Ihr Weg mag ein weiter sein, aber der metaphorische Weg, der durch sie zurückgelegt wird, ist es auch.

Westbahnstrasse vier Häkelfiguren

Um mit ihm über seine Motivation zu sprechen, habe ich Christian Romauch für im7ten getroffen.

Die Punchline ist „a passion project“. Wie wichtig ist Leidenschaft im Handel?
Es gibt oft keinen Grund, etwas Neues im Handel aufzumachen, weil wir eine Übersättigung der Produkte haben. Für mich war die Motivation meine Leidenschaft für qualitative Produkte. Ich pflege den Kontakt zu den ProduzentInnen und DesignerInnen gerne. Es muss etwas Persönliches, einen Grund und eine Motivation dahinter haben, denn sonst kann man nicht gegen den großen Markt bestehen.

Wie gibst Du die Leidenschaft an die KundInnen weiter?
Ich war auch in meinen vorangehenden beruflichen Positionen eine Schnittstelle zwischen KundInnen und ProduzentInnen. Das geht nur im kleinen Rahmen, weil im großen Handelsbereich auf Messen oder Ähnlichem eingekauft wird. Im kleinen Rahmen habe ich die Möglichkeit zu sehen, was die KundInnen gerne haben, was gefragt ist, und kann das in die Auswahl, was wir führen, einfließen lassen.

Christian Romauch - a passion project in der Westbahnstraße 4

Christian Romauch im Gespräch

Geht es im Handel wieder ein Stück weit in Richtung Nachfrage nach Produkten mit Handschlagqualität?
Beim Essen [Anm.: Christian Romauch arbeitete früher u. a. im Lebensmittelbereich] war es so, weil das ein Lebensbereich ist, bei dem wir die Auswirkungen sehr unmittelbar sehen und spüren. Es betrifft uns persönlich.
Bei der Mode ist das schwieriger. Ich trage vielleicht etwas am Körper, das von den Chemikalien her nicht super, aber noch okay ist, aber wer dahintersteht, ist meistens schon sehr weit weg. Kleidung muss in erster Linie super tragbar sein und dann folgt der Mehrwert von Qualität, Material und dem Hintergrund, dass es in der Nähe produziert wurde. Wir erleben, dass die KundInnen, die hier einmal gekauft haben, häufig zurückkommen und sagen: „Ich habe das hier gekauft. Es fühlt sich gut an, deshalb bin ich wieder hier, denn jetzt ist Frühling und ich brauche …“ Ich habe das Gefühl, dass diese Richtung immer stärker wird.

Ein paar Schritte die Westbahnstraße hinauf, hat Modus Vivendi den neuen Standort eröffnet. Du hast das Label aus Wien schon länger im Programm.
Ja, ich arbeite unheimlich gerne mit Modus Vivendi zusammen, weil das Label qualitativ toll arbeitet. Die Produkte sind auch nicht 1:1 dieselben, insofern ist es für uns alle ein Mehrwert zusammenzuarbeiten.

Neben Kleidung bietet die Westbahnstrasse 4 auch hochwertiges Lederschuhwerk.
Bei den Schuhen haben wir eine Mischung gefunden. Wir wollen, dass die Schuhe auch zu dem Gewand, das wir führen, stilmäßig dazupassen und gut kombinierbar sind. Es sind stylische Schuhe, teilweise mit Absätzen und das Besondere ist, dass die Schuhe aus zwei italienischen Schuhmanufakturen kommen, die sehr gute Leisten bauen. Das heißt, die Leiste ist so aufgebaut, dass man auch mit einem Absatz gut gehen kann.
Zum Teil können wir Einfluss nehmen, indem wir beispielsweise mit dem Modelleur besprechen, dass wir Ballerinas brauchen, deren Schnitt ein bisschen weiter hochgezogen ist. So haben wir auch die Flexibilität, manches im Sortiment auszutauschen und andere Modelle zum Standard zu machen und sie länger zu führen. Die Schuhauswahl in der Westbahnstrasse vier ist etwas trendiger und jünger als bei Schuhe für Frauen, sodass die beiden Geschäfte einander gut ergänzen.

Ballerina aus Leder

Stichwort Fashion Revolution Week. Wie wichtig ist es, sich damit auseinanderzusetzen, wer meine Kleidung gemacht hat?
Ich glaube, es ist unheimlich wichtig, sich damit zu beschäftigen und mehrere Parameter in seine Entscheidung einzubeziehen. Anfangs wollte ich ausschließlich Produkte in Bio-Qualität führen und habe mich dann dagegen entschieden. Für mich ist es wesentlich, wo produziert wurde. Wenn es die Möglichkeit gibt, beides zu haben, ist es optimal.

In der Kommunikation zum Kunden ist es wichtig, dass man die Leute nicht vollschwatzt, wenn sie bei der Türe hereinkommen. Nicht jeder ist interessiert. Man kann sie einfach lassen, wenn sie sich für Hintergründe interessieren, kann man sie ihnen sagen und wenn nicht, lässt man es auch einfach.

Es gibt viele Dinge, mit denen man sich beschäftigen muss und das ist manchmal einfach sehr viel. Es geht ums Essen, es geht ums Klima … manchmal will man lockerer leben und nicht alles schlechtdenken müssen. Es ist ja schon öfter unspaßig.

Andererseits traut man sich vielleicht nicht, die richtigen Fragen zu stellen.
Ja. Ich möchte die Person sein, die nach ihren eigenen Kriterien auswählt und Leute können kommen und sich informieren, wenn es sie interessiert, aber sie müssen es nicht tun, weil sie sich darauf verlassen können, dass ich zuverlässig ausgewählt habe.

Ich will in einem Bio-Laden sein und darauf vertrauen können, dass der Händler Bauern ausgesucht hat, die super sind. Ich will nicht, dass er die Kartoffeln und die Milch aus Deutschland importiert hat. Ich will den Hokkaido aus Argentinien nicht. Ich will, dass der Händler den Job der Information übernimmt.

Reden wir mal über Leistbarkeit. Ein Lebensstil, bei dem man in allen Bereichen auf Qualität achtet, hat seinen Preis.
Die meisten von uns gehen auch Kompromisse ein. Den hohen Anspruch kann man nicht immer und in allen Bereichen bringen, aber deshalb sollte man nicht sagen: „Ich kann das nicht und deshalb ist alles egal.“ Im Sinne von Nachhaltigkeit kann es nur sein, weniger zu kaufen und dafür bewusst fairer im Hinblick auf Preis/Qualität und Arbeitsbedingungen.

Manchmal finde ich es hart, wenn mir jemand stolz erzählt, er hat sich ein T-Shirt um fünf Euro gekauft. Oder billiges Fleisch. Da weiß ich einfach, dass das nicht gut ist. Da esse ich etwas, das billig produziert wurde und bei der Kleidung hängen einfach auch Leute drinnen. Es gibt keine Occasionen.

Westbahnstrasse vier, Herzilein, Christian Romauch, Gertraud Buxhofer

Wird die Markise der vorigen Shopbetreiberin bleiben?
Das wissen wir noch nicht (lacht). Es gibt noch keinen Grund, das zu ändern. Mir gefällt das Rot, weil es mich an ein Pub erinnert. Ich würde am liebsten am Abend Bier ausschenken und prinzipiell hätte ich gerne Semmeln.

Wie darf ich mir das vorstellen?
Was mir in dem Bioladen, in dem ich gearbeitet habe, so gefallen hat, ist dass die Leute täglich kamen, weil sie etwas gebraucht haben. Dadurch hatte man mit den Leuten total viel Kontakt.
Das macht mir Spaß. Ich kannte die Leute. Sie kamen einkaufen, dann haben sie ihre/ihren FreundIn kennengelernt, dann waren sie zusammen, dann haben sie Kinder bekommen – man bekommt die ganze Geschichte mit.
In kleinen Geschäften lebt man vom Kontakt, da ist es super, wenn man etwas hat, weshalb die Leute öfter hereinkommen, deshalb sage ich Semmeln. Die Häkelfiguren aus Südafrika und die Socken aus Frankreich, die in Portugal produziert werden sind ein guter Anknüpfungspunkt.

Schuhe für Frauen in der Kirchengasse 28 gehört mit der WESTBAHNSTRASSE vier an gleichnamiger Adresse zusammen. Was erwartet uns in dem Laden, in dem wir Gertraud Buxhofer antreffen?
Gertrauds Sortiment ist klar: Schuhe für Frauen, die schön sind und trotzdem passen! Gerade am Frauenschuhsektor ist das unverständlicherweise eine seltene Kombination. Sie bringt unheimlich viel Erfahrung ein – sie war vor ihrer Selbstständigkeit im Handel Geschäftsführerin bei GEA Waldviertler Schuhe – und hat mit ihrem Geschäft eine Nische erschaffen, die sie mit Know-how und Überzeugung ausfüllt. Die Schuhe, die man bei Schuhe für Frauen findet, sind aber nicht nur zu den Füßen der Kundinnen gut – es sind Schuhe, hinter denen man auch ideologisch stehen und deren Herstellungsprozess man transparent abbilden kann. Taschen der jungen Spanierin Ann Kurz und dem Label Lerski aus der Schweiz sowie Strumpfwaren der französischen Hersteller Berthe und Bonne Maison komplettieren das Angebot.

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WESTBAHNSTRASSE vier
Westbahnstraße 4/3, 1070 Wien
www.westbahnstrasse4.at
Öffnungszeiten:
Dienstag – Freitag: 11 – 19 Uhr
Samstag: 11 – 18 Uhr

 

 

 

© Titelbild und 1. Beitragsbild: Roman Bönsch
übrige Fotos: Veronika Fischer

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... legt Wert auf treffende, bedeutungsschwere Worte. Hat dafür sogar eine Waagschale. Liebt das Kreative und Ungewöhnliche. Erzählt den im7ten-LeserInnen am liebsten UnternehmerInnengeschichten, die man beim Einkaufen im Grätzl sonst nicht so schnell erfährt.

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