Pattermann_Beitragsbild

Posted On 12. Oktober 2017 By In Anno dazumal, Geheimtipp, Shops, Übers Grätzel With 319 Views

Wie aus “anno dazumal” “heute” wurde – Albert Pattermann

Jüngst habe ich den im7ten-LeserInnen eine Fortsetzungsgeschichte zu folgender Frage versprochen: Wer war der Vormieter der Rauch Juice Bar in der Neubaugasse 13? Dass es die Firma Heinrich Bartik Lederwaren war, konnte ich bereits in diesem Blogeintrag berichten. Die Geschichte hört hier, mit der Schließung von Bartik Lederwaren, allerdings nicht auf.

Es war der untrügliche Grätzlspirit, der sich bei meiner Recherche bemerkbar machte und damit die Beantwortung der Frage von einer Ein-Wort-Antwort zu einer Anekdote werden ließ: da ich bei der On- und Offline-Suche nur wenige Informationen an die Oberfläche befördern konnte, beschloss ich, Karlheinz Peter, den Seniorchef von Karl Peter’s Söhne, zu kontaktieren, dem das Geschäftslokal neben der Rauch Juice Bar (vormals Bartik Lederwaren) gehört. Und siehe da, er wusste zu berichten, dass ich den früheren Bartik-Geschäftsführer Albert Pattermann nach wie vor am Neubau antreffen könne. Genauer: In einem unscheinbaren Hinterhof der Westbahnstraße. Prompt ließen sich eine genaue Anschrift samt Telefonnummer finden. Zwei Minuten später hatte ich den Gesuchten am Telefon …

Albert Pattermanns Vater gründete Anfang der 1930er-Jahre eine Ledertaschenproduktion, die zunächst in Margareten, dann in Mariahilf und nach Ende des 2. Weltkriegs am Neubau zuhause war. Hier besteht sie auch heute noch: In der Westbahnstraße 33. In dem prachtvollen Haus, das neoklassizistische und Jugendstilformen aufweist und reich mit Dekor wie Kränzen, Girlanden, Vasen und Reliefs geschmückt ist, findet sich im Hof das Atelier und die Werkstatt der Taschenmanufaktur Albert Pattermann. Selbiger übernahm die Firma seines Vaters 1968. Als sich ihm die Möglichkeit bot, das eingangs erwähnte Lederwarengeschäft Bartik in der Neubaugasse zu erwerben, nutze er die Chance, sein Portfolio zu erweitern und neben der Produktion und dem Verkauf an Händler auch einen Einzelhandel zu forcieren. Das Geschäft in der Neubaugasse 13 gehörte zum Stadtbild und bot eine große Auswahl individuell handgefertigter Damentaschen aus eigener Produktion – hier allerdings nicht unter dem Markennamen Albert Pattermann, sondern zu Ehren des Geschäftsgründers H. Bartik.
Im Zuge des bevorstehenden Ruhestands von Albert Pattermann übernahm Fruchtsafthersteller Rauch die Immobilie in der Neubaugasse vor fünf Jahren. Die Taschenproduktion führte Albert Pattermann weiter und belieferte seine Partnerhändler im DACH-Raum. Auf der Suche nach einem Nachfolger kam er mit Alexander Rippka zusammen, der im Handel von Lederwaren und Schuhen tätig war.

Foto: beigestellt

Alexander Rippka und Albert Pattermann in der Werkstätte in der Westbahnstraße. Foto: beigestellt

Am 1. Juni 2017 erfolgte nun der offizielle Wechsel. Alexander Rippka übernahm die Albert Pattermann-Taschenmanufaktur mit einer Angestellten – Frau Weber, die bereits seit dreißig Jahren für das Unternehmen arbeitet. In beratender Funktion ist auch Albert Pattermann noch stundenweise vor Ort. Der Produktionsbetrieb ist die einzige in Wien verbliebene Firma, die noch in dieser Dimension mit der vollständigen Herstellung von Ledertaschen beschäftigt ist. Die Marke paart modischen Chic mit klassischer Eleganz. „Der hohe Anspruch, der von meinen Kundinnen gefragt wird, spornt mich enorm an“, stellt Alexander Rippka fest, und fährt erklärend fort: „wenn ich ein altes Muster aus dem Archiv hole und neu entwerfe, strebe ich wie schon meine Vorgänger nach Perfektion. Ebenso bei der Fertigung: ob beim Zuschneiden, Spalten, Schärfen, Kaschieren, Einschlagen, Kanten abstoßen, Nähen, Einfüttern oder Säubern. Das Taschner- und Ledergalanteriewarenerzeugergewerbe hat in Österreich und speziell in Wien eine große Tradition. Meine Werkstatt soll das Juwel dieses Handwerks bewahren und mit frischen Entwürfen und Ideen in die Zukunft tragen.“ Achtzig bis hundert handgemachte Stücke verlassen die Werkstatt monatlich. Das beliebteste Stück bei den Kundinnen ist übrigens die Umhängetasche mit der Nummer 282. Ein interessantes Detail, das ich noch nicht wusste: die Herstellung einer Ledertasche teilt sich etwa zur Hälfte in Näharbeit und zur Hälfte in Tischarbeiten wie den Zuschnitt, das Kaschieren oder Kleben.

BU5A2687-FINAL-Kopie

Alexander Rippka übernimmt die Front, Albert Pattermann unterstützt noch gelegentlich im Hintergrund. Foto: beigestellt

Bei der Entstehung neuer Taschen greift Alexander Rippka stets auf das umfangreiche Pattermann-Archiv zurück, in dem sich zahllose Entwürfe und Schablonen befinden, die feinfühlig mit Hilfe des Zeitgeistes zu etwas Neuem destilliert werden.

Gerne repariert Alexander Rippka auch Handtaschen. „Schöne Dinge sollte man nicht wegwerfen, sondern gerne in meine Hände legen – Sie bekommen sie noch schöner wieder zurück!“, verspricht der Unternehmer, den man am Neubau entweder in seiner Werkstatt oder an einem seiner Lieblingsorte im 7ten, dem Schanigarten des Podium, antrifft.

Kundinnenliebling: Umhängetasche Nr. 282

Kundinnenliebling: Umhängetasche Nr. 282

TIPP: Wer sich in nächster Zukunft von der Qualität der Wiener Taschenmanufaktur überzeugen möchte, hat dazu beim Pop-Up Store in der Westbahnstraße 48, 1070 Wien, Gelegenheit:
24.10. – 23.12.2017
Dienstag – Freitag: 14:30 – 18:30 Uhr
Samstag: 10:00 – 17:00 Uhr

Alle Infos zur Kollektion, zu Händlern und zur Werkstätte
finden TaschenliebhaberInnen auf
www.albertpattermann.at

 

© Fotos: Alexander Rippka e.U.

Tags : , , , ,

... legt Wert auf treffende, bedeutungsschwere Worte. Hat dafür sogar eine Waagschale. Liebt das Kreative und Ungewöhnliche. Erzählt den im7ten-LeserInnen am liebsten UnternehmerInnengeschichten, die man beim Einkaufen im Grätzl sonst nicht so schnell erfährt.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.