Comploj_Beitragsbild

Posted On 21. Juni 2017 By In Interviews, Shops With 439 Views

Schmelzpunkt erreicht: Bandgasse Ecke Westbahnstraße

Am Donnerstag eröffnet die Glashütte Comploj in der Wiener Westbahnstraße den nigelnagelneuen Flagshipstore. Die Kombination aus Schauraum und Atelier ermöglicht es, hinter die Kulissen zu blicken und die handgemachten Meisterwerke direkt vom Hersteller zu beziehen.

Das Wort „Gaffer“ kennen die meisten nur von Licht- und Tontechnik bei Musik-Events, wo man mit dem meist schwarzen, unverwüstlichen Klebeband alles „angaffert“, was gerade festgemacht werden muss. Kein Musiker und doch ein Rockstar in seinem Metier ist Robert Comploj, dessen Spitzname „der Gaffernator“ ist. Der „gaffer“ ist im Englischen nämlich der Glasbläser, ein Handwerk, das in Österreich so gut wie nicht mehr erlernt werden kann und das der gebürtige Tiroler und Neo-Neubauer-Unternehmer perfekt beherrscht.

CANDY_COUTURE_2017_1_Werner Redl_www.werfotografiert.at

CANDY COUTURE (Foto: Werner Redl)

CANDY_DELUXE1_Werner Redl_www.werfotografiert.at

CANDY DELUXE (Foto: Werner Redl)

Am Donnerstag, 22. Juni 2017, öffnen ab 16 Uhr [glühend rot im Kalender markieren und einfach vorbeikommen] die Tore der Glashütte Comploj in der Westbahnstraße 18. Wenige Tage zuvor dürfen wir Österreichs hipsten Glasbläser Robert Comploj in seinem neuen Atelier samt Schauraum besuchen. Die ehemalige Billa-Filiale ist nicht wiederzuerkennen – Licht fließt durch die bodentiefen Fenster herein, die auf Westbahnstraße und Bandgasse blicken. Die Sonnenstrahlen spielen mit den herrlichen Farben der Candy Couture Vasen-Serie, mit den Farbspiralen in den Paper Weights und sie erreichen auch an der hinteren, der Eingangstüre gegenüberliegenden Wand das Regal, in dem die Farben wie eine Art Sand in durchsichtigen Samla-Boxen von Ikea aufbewahrt werden. Weltweit gibt es nur drei Firmen, die diese Farben produzieren – Metalloxide, die bei der Glasschmelzung in das flüssige Glas eingearbeitet werden.
Das hier ist das neue Reich von Glasbläser Robert Comploj, der das Handwerk bei den Großen dieser Welt erlernt hat: den Glasmeistern von Murano. Anschließend zog es ihn in die USA, nach Dänemark und Großbritannien. Nach einem Jahrzehnt kehrte er nach Österreich zurück – bereit, die Szene zu revolutionieren. 2013 eröffnete er in Traun die Glashütte Comploj und machte sich in kurzer Zeit einen Namen. Beachtlich ist beispielsweise ein Kronleuchter, den er im Auftrag von Red Bull für den Formel-1-Ring in Spielberg fertigte: Die Herstellung der 1.400 goldenen Glaskugeln, die zusammen den bekanntesten Bullen der Welt ergeben, beschäftigte den jungen Glasvirtuosen ein halbes Jahr lang.
Nach 6-monatiger Umbauphase im Wiener Geschäftslokal schlägt er nun ein neues Kapitel in der Hauptstadt auf.

ROXY_2017_01_Werner Redl_www.werfotografiert.at

ROXY (Foto: Werner Redl)

Wie kommt ein Tiroler dazu, seine Glashütte in Traun zu eröffnen?
Gute Frage. Ich war 10 Jahre lang in der ganzen Welt unterwegs und habe anschließend in Niederösterreich gewohnt. Nach Tirol wollte ich nicht mehr, für Wien war ich noch nicht bereit. Ich habe von Null weg begonnen. Ohne Kunde, ohne Auftrag, nur mit einem fetten Kredit. Die Wahl fiel auf Traun – in der Lagerhalle war es billig und das hat gepasst.
Wir haben in den letzten Jahren viel exportiert. 80 Prozent unserer Ware geht ins Ausland und an Galerien. Nach vier Jahren ist es jetzt so weit, dass ich meine eigene Galerie haben möchte. Hier kann ich Galerie und Atelier in toller Lage kombinieren.

Was ist Dein wichtigstes Werkzeug?
Der Ofen, das geschmolzene Glas und darüber hinaus hat jeder Arbeitsschritt seine eigenen wichtigen Werkzeuge. Teilweise gibt es das Handwerkszeug schon ewig.

Das bringt mich zu meiner nächsten Frage: Ist Glasbläserei sonst ein eher überaltertes Handwerk?
Ja in Österreich bin ich eigentlich der Einzige. Es kommt auch nichts mehr nach, weil der Weg sehr langwierig und schwierig ist.

Wie hast Du Feuer gefangen?
Zufällig. Ich bin gelernter Tischler, habe die Matura an einer HTL in Kramsach nachgemacht und dort gesehen, wie die Berufsschüler von Riedel Glas und Stölzle Glas unterrichtet wurden. Es gab Abendkurse – ich wollte das unbedingt lernen, habe die Schule fertiggemacht und bin nach Amerika gegangen.

War es dort einfacher Praktika zu bekommen?
In Australien und den USA gibt es eine riesige Szene. In Großbritannien und Frankreich findet man auch mehr als hier in Österreich – es fehlen vor allem die Lehrbetriebe.

Steht für Dich der künstlerische Aspekt oder das Handwerk im Vordergrund?
Am Anfang war nur das Handwerk interessant. Seit ein paar Jahren ist es auch der künstlerische Aspekt. Wenn man einmal schreiben kann, kann man sich auch ausdrücken. Das ist beim Glas genauso. Das Schwierige ist es, das Glas zu beherrschen und mit ihm umzugehen. Wenn man das hat, wird man freier.

Robert Comploj bei der Arbeit (Foto: Cathrine Stukhard)

Robert Comploj bei der Arbeit (Foto: Cathrine Stukhard)

Glasbearbeitung (Foto: Cathrine Stukhard)

Glasbearbeitung (Foto: Cathrine Stukhard)

Wie bereits in Traun, wird es nach Einholung aller behördlichen Bewilligungen auch in Wien Workshops für Gruppen von 6 bis 8 Personen geben, bei denen in das Handwerk hineingeschnuppert werden kann. Wer sich im Glasarbeiten versuchen möchte, sollte sich via Facebook unbedingt am Laufenden halten, um sich einen der jetzt schon stark nachgefragten Plätze zu sichern. Dann können Sie sich auch davon überzeugen, dass Robert Comploj ziemlich gechillt für jemanden ist, dessen Handwerk es ist, alles zum Schmelzen zu bringen.

 

Glashütte Comploj
Westbahnstraße 18
1070 Wien
glashuettecomploj.at
geöffnet: Montag – Samstag: 10 – 18 Uhr

 

Übrigens: Glas ist nicht gleich Glas! Die Mischung jedes Glases ist streng geheim. Es gibt verschiedene Qualitäten, die sich in der Zusammensetzung, der Verarbeitung und dem Schmelzpunkt unterscheiden. Glas hat – wie verschiedene Hölzer – unterschiedliche Eigenschaften und darf nicht gemischt werden. Würde man eine Altglasflasche anderen, hochwertigen Glas mischen, wäre alles dahin.

© Fotos:
Titelbild & Fotos von Robert Comploj: Cathrine Stukhard
Produktfotos: Werner Redl | www.werfotografiert.at

Tags : , , ,

... legt Wert auf treffende, bedeutungsschwere Worte. Hat dafür sogar eine Waagschale. Liebt das Kreative und Ungewöhnliche. Erzählt den im7ten-LeserInnen am liebsten UnternehmerInnengeschichten, die man beim Einkaufen im Grätzl sonst nicht so schnell erfährt.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.